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Filmfest in Venedig : Der fünfte Espresso zur vierten Premiere

  • -Aktualisiert am

Wenn die Beachvolleyballer müde werden, kommen die Journalisten: Fotoshooting vor dem Excelsior Hotel in Venedig Bild: dpa

Die Baugruben werden stilvoll verhängt, Scarlett Johansson lächelt nur außerhalb ihres Hotels und ernsthafte Filmkritiker gehen nicht auf Parties. Langzeitbeobachtungen beim ältesten Filmfest der Welt in Venedig.

          7 Min.

          Ohne Filmfestspiele ist der Lido eine eher gemütliche Insel. Der einzige Stadtteil, in dem wegen der vielen Rentner und Wohlhabenden Berlusconi immer eine sichere Mehrheit hatte, ist vor allem im Winter der ideale Ort für einen Spaziergang am windigen, menschenleeren Strand. Jetzt, im Sommer haben die Italiener wie überall auch eine ganz spezifische Art, den Genuss der Natur zu zerstören: Strandhütten dicht an dicht, abgeriegelte Zugänge, Lautsprechermusik und so gut wie keine Orte, an denen man mit einer Tasse Cappuccino oder einem Glas gekühlten Weißwein aus dem Friaul in der Hand die Wellen und den Horizont meditativ bestaunen könnte. In Italien ist der Sommerstrand eine soziale Angelegenheit für schreiende Kleinkinder, ballspielende Halbwüchsige, flirtende Jugendliche, dösende Opis, muskulöse Aufseher und Bademeister - und gerade darum der ideale, lebenspralle Ort für die ältesten Filmfestspiele der Welt.

          Die sind für mich - der ich überfüllte Strände nicht ausstehen kann - im Sommer der einzige Grund, an den Lido herüberzufahren. Um die Monatswende August/September leert sich zwar bereits die mediterrane Badewanne ein wenig, obgleich die italienischen Kinder nach satten drei Monaten Sommerpause erst Mitte September wieder in die Schule müssen. Für die ersten Strandmüden kommen nun die Journalisten, die Leute aus dem Filmbusiness, die Cinéasten und die überraschend zahlreichen Schaulustigen. An die zehntausend Tagesgäste haben die Veranstalter gewählt - complimenti.

          Wenn ich morgens um halb acht in einem fast leeren Vaporetto ins Kino abfahre, sind immer auch schon die Unermüdlichen an Bord. Meine Hochachtung haben sie, denn wer aus der Bahnhofsgegend oder - wie gar nicht so wenige - vom Festland anreist, der sollte gegen sechs Uhr schon auf den Beinen sein. Immerhin ist es frühmorgens angenehm leer und mild, und der Blick vom Boot auf das morgenfrische Venedig ohne Touristengruppen, am besten noch wie dieses Jahr öfter nach einem nächtlichen Regen - das ist fast noch besser als jeder Film.

          Mit dem Smoking in die Morgenvorstellung

          Bevor es um halb neun oder neun rund um den Kinopalast und das altehrwürdige Großhotel „Excelsior“ direkt hinterm Strand losgeht, ist die Lion’s Bar der passende Ort für die Brioche, das marmeladengefüllte Frühstückscroissant, sowie die beiden Espressi, die ich nötig habe, um aufmerksam zu bleiben. Damit rundum die letzte Müdigkeit verfliegt, röhren um diese Stunde die Besenwagen und räumen den Dreck der vorigen Nacht von der Straße, Kühlwagen mit den Pizzen und dem Eis für den angebrochenen Tag fahren brummend vor. Eigentlich ist es ja widersinnig, bei herrlichstem Spätsommerwetter statt an den frisch geharkten Strand jetzt ins Kino zu gehen. Immerhin trudeln im Lauf der Zeit nach und nach die vielen hundert Privilegierten ein, die während der Festspiele am Lido ein Zimmer ergattern konnten - dann ist man auch zur Frühstückszeit nicht so allein mit seinem Kinospleen.

          Zeitungslektüre am Lido

          Außer dem Trickfilmtrailer des Festivals, den man gewöhnlich schon am dritten Tag nicht mehr sehen und hören mag, der aber geflissentlich vor jede Projektion gehängt wird (als säße irgendjemand im Saal, der noch nichts vom Festival weiß und eigentlich in eine Kindervorstellung von „Ice Age 4“ gehen wollte) - also außer diesem kitschigen Nervensägenfilmchen mit einem Ruderboot und einem Nashorn drauf hatte jemand die goldige Idee, die alten Beiträge der Rai von den Nachkriegsfestivals zu kleinen Vorfilmen aus dem Archiv herauszukramen.

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