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„Deutschland spricht“ zur Wahl : „Ich habe meine Zweitstimme Volt gegeben“

„Ein Thema steht für mich im Mittelpunkt: Europa“, sagt Melih Özkardes. Bild: Marcus Simaitis

Melih Özkardes wünscht sich mehr Parteien, die wie Volt europaweit auftreten. Wahlplakate im Allgemeinen findet er rückschrittlich. Die Interviewreihe zur Bundestagswahl „Sieben Fragen, sieben Antworten“.

          3 Min.

          Herr Özkardes, welche Themen sind für Ihr Kreuz auf dem Wahlzettel ausschlaggebend?

          Kira Kramer
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Das sind viele, aber ein Thema steht für mich im Mittelpunkt: Europa. Allerdings nicht erst seit der diesjährigen Wahl, sondern auch schon bei vorherigen. Auch das Klima spielt für mich eine große Rolle. Zum Glück haben inzwischen alle Parteien erkannt, dass dieses Thema wichtig ist.

          Welche der Debattenfragen, die Sie im Rahmen von „Deutschland spricht“ diskutiert haben, hat Sie am meisten umgetrieben?

          In meinem Debattengespräch habe ich jemanden zugelost bekommen, der bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Politik mitgelaufen ist. Mein Gesprächspartner stand diesem Thema insgesamt sehr kritisch gegenüber und wir haben uns intensiv über das Für und Wider ausgetauscht. Für mich war es interessant, die Sichtweise dieses Menschen kennenzulernen – auch über die anschließende Berichterstattung über die Proteste. Davon war er sehr enttäuscht, weil er die Situation medial falsch dargestellt empfand. Durch unser Gespräch hatte ich die Chance, ihn besser zu verstehen. Auch wenn ich anderer Meinung war als er. Ich halte es für wichtig, mit Menschen, die eine andere Sicht auf die Dinge haben, ins Gespräch zu kommen. Ich wollte gerne von ihm persönlich hören, warum er sich nicht impfen lassen will und warum er bei den Demonstrationen mitläuft. Insofern haben mich die Debattenfragen rund um Corona am meisten beschäftigt.

          „Die Erststimme habe ich einem grünen Kandidaten geben“: Melih Özkardes in Maastricht
          „Die Erststimme habe ich einem grünen Kandidaten geben“: Melih Özkardes in Maastricht : Bild: Marcus Simaitis

          Hat Ihre Diskussion im Rahmen von „Deutschland spricht“ auch dabei geholfen, Ihre Wahlentscheidung zu treffen?

          Eher nicht, ich hatte schon vorher entschieden, wen ich wählen will – und vor allem wen ich nicht wählen will. Es gab viele Debattenfragen bei „Deutschland spricht“ und ich kann nicht behaupten, auf allen davon Experte zu sein. Das kann vermutlich niemand. Das Gespräch hat mir jedoch geholfen, die komplexe Lage besser zu verstehen und einen anderen Blickwinkel darauf zu erhalten.

          Wo suchen Sie stattdessen Orientierung für Ihre Wahlentscheidung?

          Eine Mischung aus Wahlprogrammen, Triellen und Nachrichten. Und auch den Wahl-O-Mat finde ich enorm hilfreich. Ich bin dankbar, dass es so etwas gibt. Dort kann ich auf einen Blick sehen, wie die Parteien aufgestellt sind und zu den für mich persönlich wichtigen Themen stehen. Der Wahl-O-Mat hat mir gezeigt, welche Parteien ich wählen könnte. Außerdem lege ich Wert darauf, die Parteien auf lange Sicht zu bewerten: Was habe ich von den Parteien innerhalb der letzten Jahre mitbekommen? Nicht nur in der Periode des sogenannten Wahlkampfs, wo alle Parteien medial deutlich sichtbarer sind. Ein Stück weit spielen auch Sympathien und Antipathien für verschiedene Kandidaten eine Rolle.

          Wählen Sie nach Partei oder Person, sind Sie parteitreu oder Wechselwähler?

          Ich bin nicht wirklich parteitreu. Ich mache mein Kreuz nicht blind bei einer Partei, nur weil ich sie vorher schon einmal gewählt habe. Dafür bin ich auch zu jung. Bisher habe ich erst drei Bundestagswahlen hinter mir. Stellen Sie mir die Frage in 30 Jahren nochmal (lacht). Ich schaue bei meiner Wahlentscheidung auf die Themen. Allerdings finde ich es auch nicht unwichtig, welche Person wir an die Spitze unseres Landes setzen. Leider lässt das Wahlsystem aber nicht zu, dass ich diese Person direkt wählen kann. Das finde ich schade. Daher ist man gezwungen, auf die Partei zu schauen und das Programm. Ich habe eine Partei gewählt, dessen Kandidaten ich nicht für das Kanzleramt geeignet halte. Die Themen der Partei haben mich allerdings überzeugt.

          Mit welchen zwei Adjektiven beschreiben Sie den Wahlkampf?

          Überbewertet und aus der Zeit gefallen. Lassen Sie mich das erklären: Ich als relativ junger Wähler von 36 Jahren brauche es nicht mehr, dass die ganze Stadt behangen ist mit Wahlplakaten. Das halte ich für Materialverschwendung. Die landen nach der Wahl im Müll. Ich hoffe, dass sie wenigsten recycelt werden. Zum anderen halte ich das Wort Wahlkampf für überspitzt. Vor der Wahl wird also gekämpft – und was machen die Parteien die restlichen dreieinhalb Jahre? Ich persönlich messe die Parteien nicht an diesem ‚Kampf‘, sondern an ihren Handlungen und ihrem Auftreten über die gesamte Legislaturperiode, nicht nur in dem kurzen Zeitraum vor der Wahl, in dem sich alle von der besten Seite zeigen wollen. Deswegen halte ich den Wahlkampf für überbewertet. Die Debatten zwischen den Kandidaten, wie etwa die Trielle, finde ich hingegen gut. Die helfen mir, meine Meinung zu bilden. Die sollte es immer geben. Es gibt zwar keine Partei, die hundertprozentig zu mir passt. Aber man muss sich eben zwischen dem entscheiden, was zur Auswahl steht.

          Wissen Sie bereits, wen Sie wählen werden?

          Ich habe bereits per Briefwahl gewählt. Ich habe meine Zweitstimme Volt gegeben, da sie die einzige europaweite Partei ist. Schon allein wegen der Symbolik halte ich das für wichtig. Volt ist ein gutes Vorbild für die Zukunft Europas, für ein vereintes Europa. Ein Europa, in dem es Parteien gibt, die man überall wählen kann – zusammen mit einem Spanier oder einer Bulgarin. Die Erststimme habe ich einem grünen Kandidaten geben, obwohl ich die grüne Spitzenkandidatin für das Kanzleramt nicht geeignet halte. Ich hoffe dennoch, dass sie an der Regierungsbildung beteiligt sind.

          Melih Özkardes ist 36 Jahre alt und arbeitet an der Rheinisch-Westfaelischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. Er wohnt mit seiner Familie in Maastricht. Er hat bislang einmal im Rahmen von „Deutschland spricht“ diskutiert, das nächste Gespräch steht kurz bevor.

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