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Vortrag über Juliuas Evola : Wenn die brave Hipness gekapert wird

Wie soll man über einen ultrafaschistischen Kulturphilosophen wie Julius Evola diskutieren? Bild: Picture-Alliance

In Berlin Neukölln hat jetzt die von zwei in Israel geborenen Nerds gegründete Buchhandlung „Topics“ geschlossen. Das Antifa-Mobbing, dem sie ausgesetzt war, ist nur die Spitze eines Eisbergs.

          Berlin Neukölln, diese Welt meint jeder zu kennen, mit ihren sorgfältig voneinander abgegrenzten Codierungen von türkischer Kiezkultur, internationaler Hipster-Intelligenz und rustikaler Antifa-Härte. Doch darunter brodelt es. Die Nachricht, dass „Topics“, eine von zwei in Israel gebürtigen Nerds betriebene Buchhandlung, am Wochenende zugemacht hat, und zwar als Spätfolge von Antifa-Mobbing aus der Nachbarschaft, ist nur die Spitze des Eisbergs. Doron Hamburger und Amir Naaman, die beiden Betreiber, betonen in Erklärungen im Internet, dass bei den linken Anwürfen gegen sie kein Antisemitismus im Spiel gewesen sei, und sie sagen, dass es vor allem finanzielle Gründe gewesen seien, die sie zur Schließung bewegt hätten.

          Doch sie lassen auch keinen Zweifel daran, dass die Umsatzrückgänge nicht zuletzt auf die Einschüchterungen und Drohungen zurückzuführen sind. „Topics“ hatte im Februar zu einem Vortrag über den faschistischen Philosophen Julius Evola eingeladen, auf den sich der sinistre Trump-Berater Stephen Bannon beruft. Seither wurde sie als „faschistische Buchhandlung im Herzen Berlins“ beschimpft – für die beiden Intellektuellen ein groteskes Etikett, weil sie doch gerade im Interesse einer Kritik die geistigen Hintergründe der neuen amerikanischen Rechten hatten diskutieren wollen. Am Ende sagten sie die Veranstaltung ab. Die bittere Pointe, dass da Enkel von Holocaust-Überlebenden durch deutsche Antifaschisten kleingekriegt wurden, ist keinem Kommentator entgangen.

          Hyperstition?

          Doch dahinter tut sich ein weiterer Abgrund auf. Der Amerikaner DC Miller, der als Referent vorgesehen war, stellte nach der Absage seine Vortragsnotizen ins Netz. Und wie interpretiert er Evola da, diesen Theoretiker eines kulturgeschichtlich abgeleiteten Antisemitismus und Rassismus, der im Weltkrieg Beziehungen zur SS unterhielt? Als „eine Art ,hyperstition‘, die in verkleideter Form einen extremen Anti-Autoritarismus und Individualismus darstellt“. Hyperstition? Dieses Wort gibt es im Englischen nicht, es ist eine Neuschöpfung, mit der der britische Philosoph Nick Land einen Aberglauben bezeichnet, der mit digitalen Mitteln so sehr übersteigert wird, dass er real werden kann.

          Evolas Rassismus erscheint da plötzlich als Vorbild einer transhumanistischen libertären Avantgarde, als die sich Land und die im Silicon Valley angesiedelten „Neoreactionaries“ verstehen. Als die Buchhändler entdeckten, dass ihre brave Hipness gekapert werden sollte, begannen sie sich von ihrem Referenten zu distanzieren. Aber da war Neukölln schon mittendrin in den gruseligen Camouflagen, die man eben noch ganz weit weg wähnte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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