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Sensible Gesundheitsdaten : Die Vermessung des Körpers

Oder nehmen wir den nationalen britischen Gesundheitsdienst NHS, der gerade versucht, ein gigantisches Big-Data-Projekt namens Care.data auf die Beine zu stellen, von dem Millionen von Patienten betroffen sind. Deren Gesundheitsdaten sollen in Zukunft in einer zentralen Datenbank gespeichert werden. Die Einführung musste allerdings auf den Herbst verschoben werden – es waren zu viele beunruhigende Details an die Öffentlichkeit gelangt. So stellte sich heraus, wie lächerlich simpel es teilweise ist, die Menschen hinter den vermeintlich anonymisierten Daten zu identifizieren. Der NHS soll außerdem Daten an Pharmakonzerne und Unternehmen verkauft haben, die wiederum mit Versicherungen kooperieren, die Risikoprognosen erstellen. Das ist Selektion in großem Stil.

Es ist, wie Paul Unschuld, Medizinhistoriker und Autor des Buchs „Ware Gesundheit: Das Ende der klassischen Medizin“, im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt hat: „Wir werden wieder und wieder gegen unsichtbare Wände laufen, ohne zu wissen, weshalb; sei es beim Versuch, eine Versicherung abzuschließen, eine Wohnung zu mieten oder einen Job zu bekommen.“ „Arbeitgeber“, so Unschuld „werden irgendwann einen Blick in die elektronische Krankenakte ihrer Bewerber werfen und das, was sie dort lesen, in ihre Entscheidung einfließen lassen.“

Angst vor Datenhändlern

Genaugenommen ist das schon heute so. Nur: Der Prozess des Aussortierens wird sich zuspitzen. Jeder Mensch bekommt ein Gesundheitsrating, das über seinen Wert bestimmt. Dass ein amerikanischer Experte für Gesundheitsrecht die elektronisch gespeicherten Gesundheitsinformationen schon mit der Atomkraft verglichen hat, ist keine Übertreibung: Solange die Daten unter Kontrolle seien, sei das Potential enorm. Gerieten sie jedoch in falsche Hände, sei der Schaden unkalkulierbar. Niemand kann heute wissen, welche Informationen vielleicht einmal gegen ihn verwendet werden. Und es kann auch niemand vorhersagen, welche Rolle Google im Gesundheitsdatenkosmos spielen wird.

Ende Juni stellte Google bei seiner Entwicklungskonferenz in San Francisco seinen neuen Gesundheitsdienst Google Fit vor, ein praktisches Verwaltungsinstrument für Gesundheitsdaten. Die Partner: Adidas, Nike und Runkeeper. Was deren elektronische Fitnessarmbänder und Apps an Körperwerten messen, fließt zukünftig bei Google zusammen. Damit kommt zu Googles bestehenden Datenwarenhäusern mit einem Schlag ein weiteres, lukratives hinzu. Es wäre naiv zu denken, die ganze Sache ziele ausschließlich auf eine Optimierung der Werbemaschinerie. Freilich spielt auch das eine Rolle. Wenn Google weiß, wer Bluthochdruck hat, kann es die Betroffenen mit der entsprechenden Produktwerbung bombardieren. Doch was kommt danach? Eine enge Zusammenarbeit mit Pharmakonzernen? Das Erstellen und Verkaufen von Risikoprofilen?

Die Tränen des Diabetikers

Peter Galison wies darauf hin, dass wir gerade dabei sind, in ein Zeitalter intuitiver Selbstzensur zu steuern. Die Überwachungsmärkte versetzen uns zielsicher in einen Zustand permanenter Alarmiertheit. Wer aber immer auf der Hut ist, dessen Denken und Handeln verändert sich zwangsläufig. Das Zögern, bestimmte Suchbegriffe in die Google-Maske zu tippen, wird zur Norm. Jeder wird sich unweigerlich sehr genau überlegen, ob er wegen eines psychischen Leidens einen Arzt aufsuchen soll – aus Angst, seine Daten könnten in die falschen Hände geraten.

Der Bundesgerichtshof hat Anfang des Jahres entschieden, dass die Algorithmen, die die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung beim Scoring verwendet, ihr Geschäftsgeheimnis sind. Das Zustandekommen der Prognosen geht den Einzelnen offenbar nichts an, obwohl es sich um dessen Zukunft handelt. In die Berechnung unseres sozioökonomischen Status fließen immer mehr Informationen aus allen möglichen Quellen ein, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben, auch über unsere Gesundheit.

Google arbeitet übrigens gerade an einer Kontaktlinse für Diabetiker, die mit Hilfe von Sensoren die Tränenflüssigkeit analysiert und den Blutzuckerwert bestimmen kann. Sobald die Werte kritisch werden, schlägt das System Alarm. Wer sollte gegen diesen Fortschritt etwas einwenden wollen? Aber auch der wird Folgen haben.

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