Florian Schroeder : „Ich hätte gern Julian Reichelt als Gast gehabt“

Florian Schroeder sorgt mit seiner Late-Night-Show „Journal Deluxe“ für Aufregung, bevor die erste Folge erschienen ist. Wie das? Ein Gespräch über umstrittene Gäste, Kritik am eigenen Milieu und Konflikte mit seiner Redaktion.
Weil ich Satiriker bin. Ich kann anders fragen als ein Journalist. Ein Satiriker muss die Wirklichkeit genauso ernst nehmen wie ein Journalist, er trägt die gleiche Verantwortung, hat aber die Freiheit, etwas Überraschendes zu tun. Ich kann mit Ironie und Zynismus arbeiten, ich kann etwas anderes sagen, als ich meine, etwas anderes meinen, als ich sage, Dinge in ihr Gegenteil verkehren. Und das gibt einen großen Freiraum für eine andere Art von Gesprächen, die Journalisten so nicht führen können. Satire hat die Freiheit, sich der Eindeutigkeit zu entziehen. Hier beginnt die Kunst.
Ich finde es immer gut, wenn man sich aus den eigenen Blasen hinausbegibt. Man sollte nicht nur andere ausliefern, sondern auch sich selbst. So entsteht Nähe zu einer fremden Welt, über die man sonst nur redet. Es ist eine Binse, aber es ist wahr: Es ist besser miteinander zu reden statt übereinander. Ich übernehme nicht die Positionen, mit denen ich mich auseinandersetze, sondern beuge einer grassierenden Angst vor Ansteckung in dieser Gesellschaft vor. Zu viele Menschen, gerade öffentliche, haben eine panische Angst, dass sie sich infizieren, wenn sie mit den Falschen reden. Wenn das unsere Angst ist, dann sollten wir uns eher Gedanken über unser Immunsystem machen.
Welche Formate meinen Sie da konkret?
Ich nehme mir die Freiheit, dass ich keine Unterschiede mache zwischen E und U. Das ist ja so eine deutsche Unterscheidung: Ernst und Unterhaltung. Entweder man gehört dahin oder man gehört dorthin. Ich habe in den vergangenen Jahren festgestellt, dass die Freiheit meines Berufs darin besteht, lustig sein zu können, das auch meistens zu sein, aber nicht zu müssen. Es geht darum, dem Thema angemessen zu agieren und zu argumentieren. Wenn ich ein Anliegen habe, das ich einfach nur inhaltlich rüberbringen will, ist das nicht weniger wert, nur weil ich mich weigere, am Ende noch einen Witz in den Text zu prügeln, der da gar nicht reinpasst. Es kann auch einfach mal ein Statement sein, in dem ich versuche, einen Gedanken auszuprobieren. Diese Einteilung in die Schublade „Komiker“, der immer lustig sein muss, ist doch sehr 1998.
Das als Ausrede zu benutzen, finde ich unehrenhaft, und das versuche ich zu vermeiden. Der Satz zu den Linken, zu dem ich stehe, ist eine unzweifelhafte satirische Übertreibung. Da konnte man deutlich sehen: Okay, das ist jetzt zugespitzt. Bei der Sache mit dem AfD-Prüfverfahren, da spürte man, ich war nicht auf eine Pointe aus. Ich glaube, dass die Leute so reif und so mündig sind, dass sie unterscheiden können. Das ist wie ein guter Abend mit Freunden: Da sind Teile des Abends sehr lustig, andere heiter und wieder andere sehr ernst, weil jemand etwas erzählt, das ihm gerade wichtig ist.

Ich versuche, bei aller Radikalität solcher Thesen immer auch eine Erklärung mitzuliefern. Ich habe nicht gesagt, dass jeder AfD-Wähler zwangsläufig Nazi-Überzeugungen hat. Aber er ist mitverantwortlich dafür, dass sich potentiell etwas von dem wiederholen könnte, was zwischen 1933 und 1945 in Deutschland passiert ist, weil Leute wie Björn Höcke in der AfD Macht haben. Der reine Satz, jeder AfD-Wähler sei ein Nazi, wäre platt und unzutreffend. Die Differenzierung ist wichtig. Ich möchte aber eben auch, dass sich die Leute an mir abarbeiten können, genau wie ich mir wünsche, das bei anderen Künstlern tun zu können. Ich exponiere mich mit Positionen, die müssen nicht allen gefallen. Mein Ziel ist eher, dass Leute sagen: „Boah, finde ich aber ganz anders, was redet der da?“ Oder sie stimmen zu und widersprechen das nächste Mal. So kann das auch zum gesellschaftlichen Dialog beitragen.
Ich bin vor dem Hintergrund all dieser Berichte schon selbst total verunsichert, wo genau ich jetzt stehe. Aber ich stelle mich immer dahin, wo man mich sehen will. So wird man erfolgreich. In Wirklichkeit ist es so, dass wir ein Format sind, in dem es darum geht, so viele Perspektiven wie möglich aufzumachen und denkbar zu machen. Bislang bin ich nirgendwohin konvertiert, da ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre, auch keiner politischen. Bei den Gästen wollen wir uns möglichst wenige Beschränkungen auferlegen. Es gibt natürlich auch alte Brainstorming-Papiere, die bei solchen Gelegenheiten ausgebuddelt werden und zu einer Bibel des Vibe-Shift hochgejazzt werden.
Das ist eine Frage des Materials. Wenn sich Grüne und Linke entscheiden, guten Stoff zu liefern, sind sie Teil der Show. Ich behandle alle gleich. Hier spricht der Anti-Diskriminierungs-Beauftragte in mir. Letztlich geht es darum, dass ich ja selbst aus dieser linksliberalen Blase komme, aber eben oft ein großes Befremdungsgefühl habe. Das macht die Tür auf für eine Kritik des eigenen Milieus, die sehr spannend und sehr lustig sein kann. Überlassen wir diese Kritik nur den Reaktionären, wird es bitter.
Die Grenze verläuft beim Grundgesetz. Ich habe gar keinen übermäßigen Ehrgeiz, ausgerechnet mit Rechtsextremisten zu reden. Aber potentiell kann auch das sein. Ich finde es kindisch, wenn man sagt, wir bieten irgendwem keine Plattform. Das kann nicht die Lösung sein. Die Wirklichkeit hat immer recht. Und mit ihr muss man sich auseinandersetzen. Übrigens ein wunderschönes Wort, sprachlich: Auseinandersetzen. Ich halte es für einen sehr gefährlichen Fehlschluss, zu sagen, mit einem Gespräch macht man sich gleich zum Steigbügelhalter von X oder Y. Wollen wir auch keine CDU-Leute mehr befragen, weil man sich dann zum Steigbügelhalter von Jens Spahn und seinen Maskendeals macht? Ich will doch trotzdem wissen, was die denken.
Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mich mit Widerständen und Widersprüchen auseinanderzusetzen. Als Person des öffentlichen Lebens, die Haltung einnimmt, wünsche ich mir Gäste in der Show, die mir widersprechen. So wird meine Perspektive ergänzt. Ich bin nicht nur Fragender, sondern jemand, den man infrage stellen kann und soll. Das ist ein Format, das fehlt im deutschen Fernsehen. Dadurch löst sich im besten Fall die Grenze von Moderator und Gast, von Fragendem und Antwortendem, auf.
Entzauberung ist ein großes Wort. Ich glaube nicht, dass es viel zu entzaubern gibt, weil dafür müsste ja erst einmal eine Verzauberung stattgefunden haben. Und die kann ich nun beim besten Willen nicht erkennen. Zum Glück haben mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung nicht rechtsextrem gewählt. Man darf sich nicht nur zum Spielball der Themen dieser Leute machen. Wenn ich anfange, mit jemandem von der AfD nur über Migration zu reden, dann kommen die üblichen Stanzen. Aber wie kriege ich diese Leute aus den vorbereiteten Szenarien hinaus? Wie schaffe ich einen Moment der Verunsicherung? Versucht man das, ist man nicht der Straßenfeger, der nur hinter diesen Leuten her putzt, sondern setzt eigene Impulse.
Ich habe in meiner Laufbahn die Erfahrung gemacht, dass man nicht zum Spielball wird, wenn man gut vorbereitet ist. Da bin ich angstfrei. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal schiefgehen kann. Aber dann ist es eben so. Ich finde Menschen in der Öffentlichkeit überzeugender, die auch mal scheitern und sich dazu dann verhalten, als Leute, die aalglatt immer alles möglichst unangreifbar durchziehen. Diese Abgründe sind doch genau das, was eine Late-Night-Show ausmacht.
Das müssen Sie die Redaktion fragen.
Richtig. Und ich hätte gern Julian Reichelt als Gast gehabt. Vielleicht klappt es ein anderes Mal. Wir finden bestimmt eine spätere Gelegenheit, bei der ich Reichelts Gastgeschenk entgegennehmen kann.






