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Heimat in der Literatur : Aus weiter Ferne, so nah

Erst zieht es uns fort, dann haben wir Sehnsucht: Ein Gefühl wird wiederentdeckt Bild: Alfred Buellesbach / VISUM

Nicht nur in der Literatur spielt die Heimat wieder eine Rolle. Nicht die Hauptstadt, sondern die Provinz wird erkundet: über die Rückkehr eines lange gemiedenen Worts und eines Gefühls.

          Die Heimat schrumpft auf der Reise zurück zu den Wurzeln. Aus der Ferne mag sie noch das ganze Land bedeuten, sie verengt sich, einmal dort angekommen, bald zur Region, dann zur Stadt, zum Dorf, und zuletzt ist sie vielleicht nur noch ein Haus. Selbst da noch löst sie sich weiter auf. Heimat wird zum Gefühl: wenn man nach Hause zu den Eltern kommt, und das Namensschild neben der Tür hängt auch nach Jahren noch schief. Den Wert dieser Empfindung kann freilich nur ermessen, wer weggegangen ist.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Heimatgefühle - beladen mit dem Gewicht so vieler Wünsche und Sehnsüchte und missbraucht von der nationalsozialistischen Ideologie - waren lange Zeit verpönt wie Vertriebenentreffen oder Volksmusik. Doch in unserer zunehmend virtualisierten Welt sind sie plötzlich wieder salonfähig. Wer den Begriff googelt, muss erkennen, dass die Heimat - und was wir damit verbinden - eine Renaissance erlebt. Da pilgern junge Leute auf den Spuren von Edgar Reitz’ Fernsehserie in den Hunsrück, und sie trinken Apfelwein im eigenen Schrebergarten. Magazine wie „Landlust“, die Heimat als Bühnenstück mit Einmachgläsern inszenieren, erreichen Auflagen wie sonst nur „Spiegel“ und „Brigitte“. Und bei der Website myheimat.de, auf der Hobbyreporter heimelige Texte und Fotos einstellen, wollen trotz dilettantischer Aufmachung alle mitmachen. Endlich treten auch deutsche Gegenwartsautoren begeistert zur Vermessung der eigenen Scholle an, freilich nicht, ohne dem verschmähten Genre Heimatliteratur neue Sichtachsen abzutrotzen.

          Sehnsucht nach einer intakten Welt

          Von Andreas Maiers großangelegtem Romanzyklus aus der Wetterau über Peter Kurzecks Jahrhundertchronik bis zu Josef Bierbichlers „Mittelreich“-Debüt, Katharina Hackers „Dorfgeschichte“, Bernd Schroeders Erzählung „Auf Amerika“, Moritz von Uslars „Deutschboden“-Erkundung oder Judith Schalanskys Mecklenburg-Erfahrung „Der Hals der Giraffe“: die Hinwendung zur Heimat fällt zwar immer unterschiedlich aus, und die Schriftsteller entstammen verschiedenen Generationen. Aber alle verbindet, dass sie über Heimat nachdenken - und dass sie diese in der Provinz verorten; programmatisch nennt Jan Brandt seine Erforschung des friesischen Ursprungslands auf tausend Seiten „Gegen die Welt“. Das Verlangen nach scharf umrissenen Grenzen, präziser Ortskenntnis und Beherrschung des Dialekts scheint umso heftiger zu sein, je mehr uns die Globalisierung den Boden unter den Füßen wegzureißen droht.

          Der neue deutsche Heimatroman ist auch Reaktion auf die Literatur um die letzte Jahrhundertwende, in der die wiederentdeckte Hauptstadt das manchmal überstrapazierte Motiv war. In Büchern von David Wagner oder Jochen Schimmang wird Berlin zur neuen, zweiten Heimat, die sich ihre Bewohner neu erfinden. Der Dorfroman, der davon handelt, wie eine Kultur das Leben des Einzelnen bestimmt, manchmal unterwirft, erzählt das Gegenteil.

          Die Heimaterkundung - nicht selten von Autoren unternommen, die in Berlin leben - führt in Gegenden wie Niederbayern in den fünfziger Jahren oder Mecklenburg heute, wo so wenige Menschen sind, dass es auf jeden Einzelnen ankommt. Besichtigt werden die ungeschönte Wirklichkeit Brandenburgs oder die Nüchternheit Nordhessens. Wie durch ein Vergrößerungsglas blicken die Autoren auf die Figuren, der ländliche Mikrokosmos wird zum Theatrum mundi: früher ein Leben zwischen Gottesdienst, Hühnerstall und Feuerwehrball, in dem die Pferde zum Schlachter geführt wurden, als die ersten Traktoren auftauchten und Knechte die Angst umtrieb, dass es für sie keinen Platz auf dem Friedhof gibt. Heute zersiedeln wuchernde Eigenheimsiedlungen und anschwellende Gewerbegebiete die Landschaft. Manchmal wird auch das pittoreske Bild von der Kleinstadt noch gewagt, in der Friseure noch „Salon“ heißen und die Schaufensterdekoration nur einmal im Jahr wechselt. Die Gefahr ist immer die Idylle. Denn der Kunstwille der Heimatdichtung ist von jeher nostalgisch. Die Tradition beruht auf einer Sehnsucht nach einer prämodernen intakten Welt. Doch so kantenfrei wie bei „Landlust“, wo der Hype ums Landleben auch Städter anspricht, geht es in der Literatur nicht zu. Die Bücher sind alles andere als geistige Äquivalente zu den „Manufaktum“-Produkten, die das Versandhaus zu Kultobjekten gehobenen Konsums gemacht hat.

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