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Veröffentlicht: 12.02.2016, 16:02 Uhr

E-Book-Kolumne „E-Lektüren“ Tausend Twitter-Tode

Tilman Rammstedts Fortsetzungsroman „Morgen mehr“ oder die Fortsetzungsanthologie „Tausend Tode schreiben“: Der digitale „Work in Progress“ bietet literarische Grenzerfahrungen.

von Elke Heinemann
© Tilman Rammstedt Auch eine Erleuchtung: Tilman Rammstedt illustriert seinen Online-Fortsetzungsroman mit Selbstporträts.

Unablässig wird man im Internet aufgefordert, sich einzubringen, dieses zu kommentieren, jenes zu liken. Unter dem Motto „Mach mit“ steht zunehmend auch das literarische „Work in Progress“, jüngst zu sehen an Tilman Rammstedts Online-Fortsetzungsroman „Morgen mehr“. Auf der angesagten Crowdfunding-Plattform „Startnext“ hat der Hanser Verlag mit inzwischen über tausend Abonnenten ein „experimentierfreudiges Publikum“ gefunden, das Rammstedts unterhaltsame, zwischen Hochliteratur und Kaffeeklatsch wechselnde Texte diskutiert, kommentiert und inspiriert. Blickt man zurück auf Matthias Polityckis „Marietta“, das erste deutsche Social-reading-and-writing-Projekt im Internet, das vor rund anderthalb Jahrzehnten auf der Homepage des ZDF-Kulturmagazins „Aspekte“ entstand, stellt man fest, dass das „Team Rammstedt“ allerdings mit mehr Pauken und Trompeten Aufmerksamkeit sucht: auf Youtube, Twitter, Facebook und Instagram sowie im Radio; zudem vertreiben stationäre Buchhändler in ihren Webshops das Abonnement, welches das Goethe-Institut 25 Auslandsinstituten zur Verfügung stellt.

Fast megaloman mutet auch ein anderes literarisches Mitmach-Projekt an: Unter dem Titel „Tausend Tode schreiben“ entsteht im Berliner Frohmann Verlag seit 2014 eine digitale Fortsetzungsanthologie zum Thema Sterben. Sie wird als „das erste kollaborative und versionierte E-Book im deutschsprachigen Raum, vermutlich auch auf der Welt“, beworben. Tausend Texte sollen im besten Fall für die vierte und letzte Ausgabe zusammenkommen, verfasst von schreibenden Profis und begabten Dilettanti, darunter Schriftsteller, Twitterer und Blogger, Ärzte, Pfleger und Pfarrer, Mitfühlende, Hinterbliebene und Überlebende. Das E-Book wird aber nicht nur von Version zu Version erweitert, sondern auch verändert, da einige Beiträger Anregungen und Kritik der Leser beherzt übernehmen. Wer eine digitale Fassung von „Tausend Tode schreiben“ kauft, erhält das fortlaufende Update gratis nachgeliefert. Irgendwann soll das interaktive E-Book-Projekt sein Ende in einem gedruckten Buch finden, aber noch ist man mitten im digitalen Prozess und auf der Suche nach neuen Autoren. Ton und Stil sind frei, jeder Text sollte maximal 3000 Zeichen umfassen.

Überraschende Züge des Erhabenen

Die Digitalversion 3.1 enthält Briefe an Verstorbene, Erinnerungen an letzte Begegnungen, Gedichte vom Überleben. Man liest dort ein paar hundert berührende, sorgfältig lektorierte Texte über das Sterben der Mutter, der Schwester, des Kindes. Es geht um Grenzerfahrungen, um Trauer, um Verstörung, wie sie der Schriftsteller Clemens J. Setz erlebt, als ihn eine Sterbende für einen Todesboten hält: „Die Todeserzählungen der Weltliteratur sind voll von solchen Figuren: eine eigenartig flackernde weibliche Gestalt auf einem Hausdach, ein starrender Hund auf einer Kreuzung, ein Kind mit grünen Handschuhen, ein seltsamer kleiner Ballon, der über einen Parkplatz treibt. Boten des Jenseits. Sie erscheinen dem Todgeweihten und erinnern ihn daran, dass das Ende nahe ist. Jedem sind solche Bilder vertraut, aber wer würde es für möglich halten, einmal selbst eines zu sein? Doch an jenem Tag geschah genau dies: Ich war der Tod, der zur Tür hereinkam. Nach mir gab es keine Rettung mehr.“

33747599 © Heidi Scherm Vergrößern Unsere Kolumnistin Elke Heinemann, Jahrgang 1961, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin

Auch witzige Texte sind dabei, beispielsweise die Phantasien der Twitterin Patricia Cammarata, netzweit bekannt als @dasnuf: „Ich fühle mich bereit für eine digitale Bestattung. Ich finde das zeitgemäß und gemessen an der Zeit, die ich lebend im Internet verbracht haben werde, wäre das nur konsequent. Für die eigentliche Zeremonie schwebt mir eine Art Splitscreen vor. Links ein Videostream, der meine Urne zeigt. So müsste niemand anreisen, und alle können es sich in Jogginghosen bequem machen. Neben dem Videostream rechts werden die Tweets meiner Gäste eingeblendet. Vom Social TV (beispielsweise sonntags beim Tatortschauen) kennt man das. In meinem Fall würde unter einem speziellen Hashtag getwittert: Wir trauern um Patricia, kurz #wtuP.“

Der Wunsch der Verlegerin, Lektorin und Herausgeberin Christiane Frohmann, ein „emergierendes public image des Todes, ein plausibles Gattungsbild, zusammengesetzt aus ganz vielen Detailansichten“, zu erschaffen, hat sich bereits mit den drei publizierten Versionen der Anthologie erfüllt. Mehr noch: Das digitale Projekt hat Züge des Erhabenen, die so gar nicht zum permanenten Posten der netzaffinen Szene zu passen scheinen, weil sie übermächtige, somit leichter zu verschweigende denn zu beschreibende Erfahrungen bezeugen.

Glosse

Falsches Ich

Von Simon Strauß

Gelegentlich vergessen Fernseh-Moderatoren, dass sie sich nicht durchweg als Träger von Volkes Stimme eignen. Das ist jetzt auch Claus Kleber beim Thema „Managergehälter“ unterlaufen. Mehr 10 45

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