CIRCULARITY CHAMPION AWARD 2026 : Pioniere statt Insellösungen

Der Circularity Champion Award würdigt mehr als einzelne Projekte. Die Jury sucht Ansätze, die zur Veränderung von Geschäftsmodellen beitragen und über das einzelne Projekt hinaus Wirkung entfalten können.
Eine gute Idee allein macht noch keine Kreislaufwirtschaft. Entscheidend ist, ob sie sich in der Praxis bewährt, wirtschaftlich trägt und andere zum Umdenken bewegt. Diese Maßstäbe standen im Mittelpunkt des Jurypanels vor der Verleihung des Circularity Champion Awards. Mit Anja Siegesmund, Aufsichtsratsrätin bei Cabka und Ministerin a. D., Marcus Sagitz, Geschäftsführer Marketing & Corporate Affairs, PreZero
International, und Sara Ködel, Director Regulatory & Sustainability, Philip Morris Deutschland, diskutierte Moderator Prof. Dr. René Schmidpeter darüber, was zirkuläre Pioniere auszeichnet – und welche Voraussetzungen ihre Ansätze brauchen, um über das Einzelprojekt hinauszuwachsen.
Schmidpeter stellte den systemischen Anspruch heraus: Aus erfolgreichen Projekten soll die Transformation ganzer Geschäftsmodelle entstehen. Pioniere können zudem als Vorbilder für ihre Branche wirken. Deshalb fragte die Jury nicht nur nach dem Erfolg einer Initiative, sondern auch nach ihrem Beitrag zu einer größeren Veränderung. In der Kategorie „Recycling und Rückgewinnung“ trug die Jury diesem Anspruch mit einer Doppel-Auszeichnung Rechnung: PreZero Battery Recycling wurde als „Enabler“ für den Aufbau skalierbarer Recyclinginfrastruktur ausgezeichnet, Hansgrohe als „Innovator“ für die Entwicklung eines neuartigen Verfahrens zur Rückgewinnung von Palladium.

Innovation braucht Ausdauer
Sara Ködel zeigte sich von der Vielfalt der Bewerbungen beeindruckt. Besonders hob sie die Qualität in der Kategorie Recycling und Rückgewinnung hervor. In den Unterlagen sah sie Innovationskraft, Kreativität und den Entscheidungswillen, Kreislaufwirtschaft tatsächlich ins Geschäft zu integrieren. Hinter den Lösungen stehen häufig mehrjährige Entwicklungsprozesse und umfangreiche Daten – ein Hinweis darauf, wie viel Ausdauer und unternehmerischer Mut nötig sind.
Entsprechend anspruchsvoll war die Prüfung. Ködel setzte sich intensiv mit den Bewerbungen und den zugrunde liegenden Angaben auseinander, bevor sie zu ihrer Bewertung kam. Die Diskussionen innerhalb der Jury halfen dabei, unterschiedliche Perspektiven aus Politik, Wissenschaft und Unternehmenspraxis zusammenzuführen.

Verlässlichkeit für die Vorreiter
Anja Siegesmund betonte, dass weder Transformation noch Kreislaufwirtschaft von allein entstehen. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. In einer stärkeren europäischen Harmonisierung sieht sie Chancen für den Binnenmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit. Die angekündigte europäische Gesetzgebung zur Kreislaufwirtschaft verbindet sie mit der Hoffnung auf einen neuen Schub. Entscheidend sei, mehr über Chancen zu sprechen, ohne die noch offenen politischen Entscheidungen auszublenden.
Die Bewerbungen zeigen für Siegesmund, wie weit Pioniere bereits vorangehen. Ihre Geschäftsmodelle können systemisches Umdenken anstoßen und neue Potentiale beim Produktdesign erschließen. Denn der Kreislauf beginnt nicht erst nach der Nutzung: Schon bei der Entwicklung muss bedacht werden, wie ein Produkt möglichst lange im Wirtschaftskreislauf bleibt.
Skalierbarkeit braucht ein Geschäftsmodell
Marcus Sagitz rückte die wirtschaftliche Grundlage in den Mittelpunkt. Skalierbarkeit setzt betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit voraus. Zugleich kann auch ein Ansatz in einer kleinen Nische wertvoll sein, wenn er Abhängigkeiten verringert und Resilienz stärkt. Unternehmen müssen deshalb fragen, welchen Wert diese Widerstandsfähigkeit für sie hat.
Für Sagitz geht industrielle Transformation zudem nicht ohne gesellschaftlichen Wandel. Unternehmen, Politik und öffentliche Hand müssen verstehen, warum Investitionen in Systeme und Infrastruktur nötig sind. Die Pioniere liefern dafür praktische Argumente: Sie zeigen, dass zirkuläres Wirtschaften möglich ist. Die Auszeichnung macht solche Lösungen sichtbar und ermutigt zur Nachahmung.

Als Enabler der Kreislaufwirtschaft ermöglicht PreZero Battery Recycling in Meppen, Rohstoffe aus Hochvoltbatterien erneut zu nutzen. Eine Zustandsdiagnose prüft, ob Module für Energie-speicher geeignet sind. Nicht
weiter-verwendbare Batterien werden unter Stickstoff zerkleinert; Vakuumtrocknung und Separierung trennen Elektrolyt, Schwarzmasse, Metalle und Kunststoffe. So lassen sich Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit, Kupfer und Aluminium zurückgewinnen. Die Anlage ist für 30.000 Tonnen Altbatterien pro Jahr ausgelegt; eine Erweiterung auf 60.000 Tonnen ist genehmigt. Die Rückgewinnungsquote liegt bei über 96 Prozent, bei der Schwarzmasse bei mehr als 98 Prozent.

Mit einem Verfahren zur Rückgewinnung von Palladium aus Prozesswässern der Kunststoffgalvanik schließt Hansgrohe einen wertvollen Stoffkreislauf. Während des Beschichtens gelangen geringe Mengen des Edelmetalls in nachfolgende Spül- und Prozesswässer. Das Verfahren trennt zunächst Zinn- und Palladiumverbindungen. Anschließend wird das Palladium mithilfe spezieller Ionenaustauschervliese selektiv adsorbiert und in Deutschland weiter aufbereitet. Allein 2024 gewann Hansgrohe rund 4,9 Kilogramm Palladium im Wert von etwa 200.000 Euro zurück. Das über acht Jahre entwickelte Verfahren verringert den Bedarf an Primärpalladium und trägt dazu bei, wertvolle Ressourcen im industriellen Kreislauf zu halten.

afb social & green IT bereitet gebrauchte Business-IT nach sicherer Datenlöschung fachgerecht auf und führt die Geräte einer weiteren Nutzungsphase zu. Notebooks, PCs, Monitore, Server und mobile Geräte werden erfasst, geprüft, datenbereinigt, repariert und bei Bedarf aufgerüstet. Nur wenn eine Wiederverwendung nicht mehr möglich ist, gewinnt afb Ersatzteile aus dem Altgerät und führt die verbleibenden Materialien einem fachgerechten Recycling zu. 2025 wurden 517.000 Geräte übernommen, 71 Prozent davon konnten wiederaufbereitet werden. Als gemeinnütziges Inklusionsunternehmen verbindet afb soziale, ökologische, technische und wirtschaftliche Aspekte. Die große Strahlkraft und das hohe Skalierungspotential machen afb zu einem überzeugenden Beispiel für Kreislaufwirtschaft mit maximalem Erhalt des Produktwertes.

Design kann zur Grundlage zirkulärer Produkte werden. NOVO-TECH Trading GmbH & Co. KG entwickelt kreislauffähige Kunststoff- und Bauprodukte, die auf Langlebigkeit, den Erhalt des Materialwerts und einen möglichst langen Einsatz ausgelegt sind. Für das megawood®-Terrassensystem entwickelte das Unternehmen den Werkstoff GCC, der bis zu 75 Prozent aus PEFC-zertifizierten Holzreststoffen und polymeren Bindemitteln besteht. Seit 2005 nimmt NOVO-TECH Altprodukte zurück, schreddert sie und verwendet sie zu 100 Prozent als Rohstoff für neue Terrassendielen. Die besondere Wirkung liegt in der Verbindung von Produktdesign und Kreislauffähigkeit sowie in der Bedeutung der Bauwirtschaft als großem Hebel für einen verantwortungsvolleren Ressourceneinsatz.

Gerade im Düngemittelbereich besteht hoher Bedarf an Lösungen, die den Ressourcenverbrauch nachhaltiger gestalten. COMPO EXPERT setzt mit Floranid® Twin Permanent auf einen Dünger, dessen drei Hauptnährstoffe aus nachhaltigeren Rohstoffquellen stammen. Rund 13 Prozent des Produkts stammen aus recyceltem Phosphat aus kommunalen Abwasserströmen. Damit wird ein endlicher Rohstoff in den biologischen Kreislauf zurückgeführt, während der Bedarf an Primärphosphat sinkt. CO2-reduzierte Quellen für Stickstoff, Kalium, Magnesium und Schwefel senken den Product Carbon Footprint um rund 30 Prozent. Das Produkt stellt Nährstoffe bedarfsgerecht bereit und verbessert dadurch die Ressourceneffizienz in der Landwirtschaft.

Umdenken
Madaster Germany GmbH betreibt eine digitale Plattform, die eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bausektor ermöglicht. Sie dokumentiert verbaute Rohstoffe und Bauteile und macht sie für die Wiederverwendung zugänglich. Mit Madaster Match geht das Unternehmen einen Schritt weiter: Materialien aus Rückbau und Sanierung werden gezielt an Hersteller vermittelt und in deren Produktion zurückgeführt. So wird Industrial ReUse im großen Maßstab planbar und wirtschaftlich attraktiv.
Madaster verändert damit die Logik des Sektors: Gebäude werden zu Rohstoffquellen, Rückbau zu Wertschöpfung. Die Plattform lässt sich von Einzelprojekten bis zu kommunalen und regionalen Materialkatastern skalieren.


