Future Finance in Europa : Digital und Digital souverän

Europas Banken stehen unter Druck: von amerikanischen Zahlungsriesen, Neobrokern und dem eigenen Innovationsrückstand. Wie die Branche gegensteuert.
In Sekunden, gebührenfrei per App Geld von einer Person zur anderen überweisen. Zugegeben: Die Idee ist nicht neu. Das sagt auch Jan-Erik Burkard, Leiter Unternehmenskommunikation und Events der VR Bank RheinAhrEifel. Das Besondere an „Wero“: Das System funktioniert nach europäischen Regeln. Datenschutz nach regionalem Standard, die Datenhoheit bleibt bei der Hausbank. Angesichts geopolitischer Spannungen und der bisherigen Abhängigkeit von US-Finanzkonzernen wie Mastercard, Visa und PayPal sei das dringend notwendig. „Wero ist eine Chance für digitale Souveränität in Europa“, sagt Burkard. Getragen wird das System von der European Payments Initiative, kurz EPI – einem Zusammenschluss 16 europäischer Banken und Finanzinstitute.
Netzwerk schaffen
Die zentrale Herausforderung des Systems: der aktuell fehlende Netzwerkeffekt. Der Nutzen entsteht nur, wenn auch der Empfänger Wero verwendet – bei laut der EPI derzeit sieben Millionen Nutzern in Deutschland ist da noch Luft nach oben.
„Der Netzwerkeffekt hängt auch stark an der Händleradaption“, sagt Gloria Traidl, ehemalige Investmentbankerin und heute Programmmanagerin und Dozentin an der Frankfurt School of Finance. Der wirkliche Mehrwert komme erst, wenn Transaktionen auch im Handel möglich seien. Diese Adaption verlaufe aktuell schleppend. Auch beim Käuferschutz im Internet sieht Traidl Potential. Ihr Fazit dennoch: „Das Produkt ist jung. Wir müssen ihm Zeit und Raum geben und nicht nur Nutzerzahlen betrachten, sondern den gesamten Zahlungszyklus.“
Konkurrenz der neuen Banken
Während PayPal, Apple Pay und Co. in der Zahlungsabwicklung an den Gebührenströmen mitverdienen und die Kundenschnittstelle besetzen, wächst der Druck auf klassische Banken auch im Wertpapiergeschäft, denn Neobroker wie Trade Republic machen das Anlagegeschäft streitig. Der Vorteil: hohe Digitalisierung, einfacher Einstieg, niedrige Gebühren. Eine reine Schwarz-Weiß-Betrachtung greife hier zu kurz, sagt Burkard. Einzelne Funktionen der Neobroker seien stark, ja – und Banken hätten manches verschlafen. Beispielsweise war ETF-Beratung etwa vor vier, fünf Jahren in vielen Häusern nur bei wenigen Spezialisten möglich.
Doch das vollständige Bild ist komplizierter. Burkard verweist auf 200.000 Kunden, bei denen er täglich erheblichen Beratungsbedarf sieht. Bankgeschäft bleibe in Teilen ein Vertrauensgeschäft – gerade dann, wenn es um mehr geht als den schnellen ETF-Kauf. Die Argumente für klassische Häuser: langfristige Begleitung, Spezialberatung, ein Ansprechpartner, der die Region kennt.
Traidl sieht den Druck der Neobroker strukturell begründet. Digital Natives wüchsen mit zugänglichen digitalen Angeboten auf, das Finanzwissen junger Menschen sei durch Social Media und Influencer deutlich gestiegen. Das verändere Geschäftsmodelle. Gleichzeitig betont sie: Nicht alles Neue ist automatisch besser. Klassische Institute hätten eine Stärke, die Neobroker kaum replizieren können, wie Compliance-Souveränität, gewachsene Sicherheitsstrukturen und regulatorische Erfahrung. Am Ende wolle der Kunde eine sichere Bank. „Das Ideal wäre eine Symbiose: die Innovationskraft des Neuen gepaart mit der Verlässlichkeit des Etablierten“, so Traidl.


