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Wohnen in Paris : Labor für neue Lebensformen

  • -Aktualisiert am

Die Handwerker gingen, die Hipster kommen: Blick in die Rue des Vinaigriers Bild: Frank Röth

Lange galt das 10. Arrondissement in der feinen Gesellschaft als schäbig: Ein Viertel der Einwanderer und kleinen Leute. Doch die Kulisse ist zu pittoresk pariserisch, um unentdeckt zu bleiben.

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          Woody - so nannten ihn die Bewohner der Straße. Der kleine Mann mit der schwarzen Brille und den wirren grauen Haaren kam immer abends die Rue Bouchardon entlang, machte den Reißverschluss seiner Hose auf und pinkelte gemütlich an den Laternenpfahl vor dem heruntergekommenen Couscous-Restaurant „Ma Bicoque“. Neben ihm, auf der Restaurantterrasse, aßen derweil müde Büroangestellte Tajine au poulet, und verliebte Paare tranken Rosé zu Spottpreisen. Die Gäste schauten nur kurz auf die Gestalt am Laternenpfahl, fischten die Eiswürfel aus dem Rosé und warfen sie aufs Trottoir. Woody machte seine Hose wieder zu, ging dann in die Telefonzelle vor der Couscous-Baracke und führte wirre Selbstgespräche, die durch die dünne Glaswand zu hören waren. Die Cohabitation von Woody und Restaurantgästen ging über zehn Jahre so, auf der Rückseite des Théâtre de la Renaissance im 10. Arrondissement von Paris, vor den malerischen Fluchttreppen aus Eisen, die diese Ecke von Paris aussehen lassen wie das Musical-Plakat der „West Side Story“.

          Wie für die meisten Einwohner der Stadt war für Woody die Straße seine erweiterte Wohnung, und in ihr bewegte er sich entsprechend. Und die Couscous-Terrasse war für die Bewohner dieses Arbeiter- und Immigrantenviertels ein Esszimmer, denn die kleinen Wohnungen hier haben oft Sitzbadewannen, Stehküchen mit Tresen und Hochbetten, aber nicht den Luxus eines Esszimmers. Sich auf engem Raum beim Leben zuzusehen und dennoch Distanz zu halten - das beherrschen die Pariser meisterhaft.

          Wie in allen großen Städten sind die Bezeichnungen von Vierteln oder deren Postleitzahlen Synonyme für die Identität, gesellschaftliche Stellung und Lebensart ihrer Bewohner. Sagte man bis vor kurzem bei einem Pariser Abendessen: „Ich wohne im 10. Arrondissement, hinter der Porte Saint-Martin“, schauten die meisten Gesprächspartner erst einmal hilflos über ihr Aperitifglas. Man hätte genauso gut in Brive-la-Gaillarde, Cintegabelle oder Gütersloh wohnen können, und fühlte sich für einen Moment auch so. Dabei leben hier auf dem rechten Seineufer, zwischen Gare du Nord, Canal Saint Martin und der Place de la République ungefähr so viele Menschen wie in Avignon, rund 96 000 Einwohner, und es liegt im Herzen der Stadt. Doch das 10. Arrondissement spielte bisher im Ranking der Pariser Viertel nicht wirklich eine Rolle, zumindest nicht für die arrivierten Intellektuellen.

          Bobos statt Multikulti

          Das hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig geändert, schon vor den Terrorattacken auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 und die Restaurants im November 2015 - nach denen die Welt geschockt auf diesen Teil von Paris schaute. Das 10. war nie ein feines Viertel und auch nicht cool wie das Marais-Viertel mit seinen Regenbogen-Bars und Performance-Galerien. Es galt trotz seiner großen Theater-Szene auch nie als besonders intellektuell, sondern war für lange Zeit einfach ein Multikulti-Arbeiterquartier im Zentrum der Stadt. Die Straßen zwischen dem Rathaus am Boulevard du Faubourg Saint-Martin, der Place de la République und dem Canal gehörte den „petits gens“, den kleinen Leuten. Keine graue Mittelklasse, sondern ein quietschbunter Haufen, in dem neben gebürtigen Franzosen viele Immigranten nebeneinanderlebten: sephardische Juden, Inder, Pakistaner, Chinesen, Portugiesen, Schwarzafrikaner. Es bildeten sich mehrere Mikroviertel mit ihren ethnischen Communities, Berufen, Restaurants, ästhetischen Codes und Lebensstilen. Die letzte große Einwanderungswelle Mitte der 1980er Jahre, in der Afrikaner und Inder kamen, prägen das Arrondissement bis heute; Symbol dafür wurden die afrikanischen Friseursalons, in denen auch heute noch bis in den späten Abend Flechtpartys stattfinden, unter lautem Palaver.

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