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VW wird kräftig umgebaut : „Diess wird mit riesiger Macht ausgestattet“

Die Politik mischt kräftig mit: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (l.) und der neue Volkswagen-Chef Herbert Diess (Bild aus dem Jahr 2015) Bild: Picture-Alliance

Herbert Diess will als neuer Volkswagen-Chef Tempo machen: Bei der Elektromobilität, der Digitalisierung des Autos und bei neuen Mobilitätsdiensten. Alle neuen Personalien und strukturellen Änderungen im Überblick.

          Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat den Wechsel von Matthias Müller zu Markenvorstand Herbert Diess an der Spitze des größten europäischen Autokonzerns überraschend um einen Tag vorgezogen. Diess habe „bei der Neuausrichtung der Marke Volkswagen eindrucksvoll bewiesen, mit welchem Tempo und mit welcher Konsequenz er tiefgreifende Transformationsprozesse umsetzen kann“, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch am Donnerstag in Wolfsburg, nachdem das Gremium den Wechsel von Müller zu Diess beschlossen hatte.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Müller scheide – wie es in einer Mitteilung des Aufsichtsrats am Abend hieß – „in gegenseitigem Einvernehmen mit sofortiger Wirkung als Vorstandsvorsitzender aus.“ Der Aufsichtsrat gehe davon aus, dass Diess prädestiniert sei, die Rolle von VW im Spitzenfeld der internationalen Automobilindustrie, Innovationskraft und Ertragsstärke auch in einer Zeit zu sichern, in dem die Branche global in einem grundlegenden Wandel ist.

          Ursprünglich sollte die Entscheidung erst am Freitag getroffen werden. Nachdem der überraschende Chefwechsel allerdings schon am Dienstag bekannt geworden war und viele der Mitarbeiter in der Wolfsburger Konzernzentrale ihren Unmut zeigten, sah sich der Aufsichtsrat offenbar veranlasst, aufs Tempo zu drücken. Wie Insider berichteten, soll bei der Vorbereitung der Entscheidungen neben den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) eine „wesentliche Rolle“ gespielt haben. Dass Weils Verhältnis zu Müller angespannt war, war Kennern schon seit einiger Zeit ein offenes Geheimnis.

          Die Ziele, die der Aufsichtsrat beschlossen hat, sind ehrgeizig: Dafür hat der Aufsichtsrat VW nicht nur Müller durch Diess ersetzt. Überraschend war, dass auch Einkaufsvorstand Francisco Garcia Sanz geht. Wie es in der Mitteilung von VW heißt, verlasse er das Unternehmen auf eigen Wunsch. Insider berichteten, er sei damit einer Abberufung zuvorgekommen. Seine Aufgabe wird kommissarisch vom Beschaffungsvorstand der Kernmarke, Ralf Brandstätter, wahrgenommen. Porsche-Chef Oliver Blume steigt vom Gaststatus zum ordentlichen Konzernvorstand auf. Dort verantwortet er künftig die Konzernproduktion.

          Der Einfluss der Gewerkschaften und der Betriebsräte bei VW dürfte sich deutlich verstärken, nachdem Personalchef Karlheinz Blessing durch den engen Osterloh-Vertrauten und Generalsekretär des Betriebsrats Gunnar Kilian abgelöst wird. Kilian werden auch gute Drähte zu den Eigentümerfamilien und in die niedersächsische Staatskanzlei nachgesagt.

          Der schon mehrmals als Abschusskandidat im Dieselskandal gehandelte Audi-Chef Rupert Stadler bleibt nicht nur im Vorstand, er ist künftig in der neuen Struktur des Konzerns für den Vertrieb verantwortlich. Die neuen Strukturen stärken aber vor allem die Rolle von Diess als neuem Chef. Er verantwortet künftig die Konzernentwicklung und Forschung und wegen der wachsenden Bedeutung der Digitalisierung und des autonomen Fahrens auch die Fahrzeug-IT. Diess machte seinen Führungswillen auch gleich unmissverständlich klar. „In einer Phase fundamentaler Umbrüche kommt es darauf an, dass Volkswagen Tempo aufnimmt und deutliche Akzente auf den Gebieten der Elektromobilität, der Digitalisierung des Autos und des Verkehrs sowie neuer Mobilitätsdienste setzt“, sagte er.

          Zwölf Marken künftig in drei Gruppen aufgeteilt

          Die Unternehmens-IT führt künftig Finanzvorstand Frank Witter. Bemerkenswert sind auch die Strukturveränderungen für die einzelnen Marken, die der Aufsichtsrat auf den Weg bringt. So will Volkswagen seine zwölf Fahrzeugmarken künftig in die Gruppen „Volumen“, „Premium“ und „Super Premium“ aufteilen. Der neue Konzernchef wacht künftig auch über die Volumenmarken VW, Skoda und Seat. „Diess wird mit riesiger Macht ausgestattet“, sagten Insider in Wolfsburg. Er hätte mit der Leitung der Volumenmarken mehr direkten Einfluss auf das operative Geschäft als Müller, der 2015 nach dem Dieselskandal die Konzernleitung übernahm. Stadler steht für die Premiummarken, Blume für die sportlichen „Super-Premium“-Marken. Diese neue Aufteilung nutze Synergien konsequent in den einzelnen operativen Einheiten und beschleunige Entscheidungen, heißt es in der Erklärung des Aufsichtsrats.

          Auf der langen Agenda des Aufsichtsrats stand zudem der geplante Börsengang der Nutzfahrzeugsparte, den der Aufsichtsrat ausdrücklich bestätigte. Kennern zufolge soll sich die Sparte unter ihrem Chef Andreas Renschler Anfang 2019 abnabeln. Nach dem erfolgreichen Geschäftsverlauf 2017, der deutlich schneller erfolgten Integration der Marken MAN und Scania aus Schweden sowie den weitgehend abgearbeiteten, äußerst komplizierten gesellschafts- wie steuerrechtlichen Fragen zeichnete sich schon die Börsenfähigkeit ab. Damit würde ein neues Schwergewicht auf den Aktienmarkt kommen. Mit einem Marktwert von geschätzt gut 30 Milliarden Euro würde VWTB – abhängig von der Höhe des gestreuten Anteils – Kandidat für den Dax werden. Wie zu hören war, könnte die Gesellschaft von Braunschweig nach München ziehen; dort, wo MAN sitzt und mit einer großen Produktion vertreten ist. Dort ist auch die Tochtergesellschaft MAN SE, die Wolfsburg über einen Beherrschungsvertrag dominiert und die noch einen Streubesitz von knapp einem Viertel hat.

          Von einer Grundsatzentscheidung am Donnerstag bis zum Börsengang kann noch einige Zeit vergehen. Zwar ist eine Umwandlung der VWTB in eine Aktiengesellschaft naheliegend. Allerdings muss dann die künftige Rolle der MAN SE geklärt werden. Ob sie als Vehikel für einen zügigeren Börsengang der gesamten Aktivitäten genutzt werden könnte, ist offen. Zudem muss eine Lösung für die Sparte MAN Diesel & Turbo mit Sitz in Augsburg gefunden werden, für die es lange Bestandsgarantien im VW-Konzern gibt, aber Börsenkandidat werden könnte. Der ebenso zu MAN gehörende Getriebehersteller Renk AG ist schon notiert.

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