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Ruf nach Altmaier : So schnell geben die Schwaben das Lithium-Projekt nicht verloren

Blauer Himmel über dem Salzsee von Uyuni Bild: dpa

Ein Projekt in Bolivien sollte Deutschland den Zugriff auf den für Elektroautos wichtigen Rohstoff sichern, bis die dortige Regierung dazwischen schoss. Doch das schwäbische Unternehmen wehrt sich – und bekommt gute Zeichen aus Berlin.

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          Wolfgang Schmutz hat die Nachricht kalt erwischt, als er am Montagmorgen unter der Dusche stand. Da hörte er im Radio, dass es aus ist mit der Lithium-Gewinnung am Salzsee Uyuni in Bolivien. Staatspräsident Evo Morales persönlich habe die Sache annulliert, nachdem die dortige Bevölkerung auf die Barrikaden gegangen war, weil sie nur mit mageren Gewinnen abgespeist werden sollte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Was Schmutz da hörte, betrifft sein Herzensprojekt. Seine Firma ACI Systems war die Keimzelle für die geplante Lithium-Gewinnung – ein Garant dafür, dass Deutschland Zugriff auf Lithium bekommen sollte, diesen Rohstoff, der so wichtig ist für Batterien und damit strategisch bedeutsam für die Autoindustrie. Und nun sollte schon alles vorbei sein, kaum ein Jahr, nachdem das bolivianisch-deutsche Gemeinschaftsunternehmen YLB-Acisa aus der Taufe gehoben wurde, wohlwollend begleitet von ranghohen Politikern beider Länder? Immerhin sollten 300 bis 400 Millionen Euro investiert werden in den nächsten Jahren.

          „Wir arbeiten am Projekt mit Volldampf weiter“, sagt Wolfgang Schmutz im Gespräch mit der F.A.Z. ganz nüchtern – schließlich hat er noch nicht einmal eine offizielle Benachrichtigung über das Dekret. De facto laufen die Drähte heiß. Denn falls die Sache scheitert, geht es um weit mehr als die kleine schwäbische Firma ACI Systems mit Sitz in Zimmern ob Rottweil, die von Eigentümer Wolfgang Schmutz selbst als „Think-Tank für Geschäftsmodelle“ beschrieben wird.

          Der 65 Jahre alte Maschinenbauer, Honorar-Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg seit dem Jahr 1987, ist als Spezialist für Reinraum-Technik schon auf der Halbleiter-Welle geschwommen, hat sich im Solarbusiness profiliert und war nun eher zufällig auf das Lithium-Thema gestoßen, als ACI in Bolivien ein Photovoltaik-Projekt geplant hatte.

          „Wenn es nicht weitergeht, sind wir alle Verlierer“

          Das Rad, das Schmutz damit dreht, reicht weit über sein eigenes Unternehmen hinaus. Es geht um Deutschland, macht er klar. Um die Autoindustrie, um den Umstieg auf die Elektromobilität. Nur wer Zugriff auf Rohstoffe habe, könne reüssieren, ist seine Überzeugung.

          Die Lithium-Gewinnung in Bolivien wäre demnach die Überlebensversicherung für Deutschlands Schlüsselindustrie. Auch weil er mit dieser Meinung nicht allein ist, muss es Schmutz nicht bei einem Brief belassen, mit dem er in Bolivien um eine offizielle Stellungnahme zu den Vorgängen bittet. Er kann damit rechnen, dass Gespräche mit dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Auswärtigen Amt, die für diesen Donnerstag anberaumt sind, in Berlin sehr ernst genommen werden.

          Das Bundeswirtschaftsministerium sei nach der Annullierung des deutsch-bolivianischen Joint Ventures irritiert, hieß es von dort nun. Man habe die Nachricht der Annullierung „mit Überraschung und Bedauern zur Kenntnis“ genommen, teilte das Haus von Minister Peter Altmaier (CDU) auf Anfrage mit. „Nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung sind der Bundesregierung bisher nicht bekannt.“ Man stehe mit der deutschen Botschaft in Bolivien und mit der Firma ACI in Kontakt, um das weitere Vorgehen zu erörtern.

          Schmutz kann auch damit rechnen, dass die Industrie selbst ihre Beziehungen spielen lässt, die ganze Wertschöpfungskette entlang – schließlich soll an dem Salzsee Uyuni nicht nur Lithiumhydroxid gewonnen werden, sondern auch eine Kathodenfabrik und eine Batteriemontage entstehen. „Wenn es nicht weitergeht, sind wir alle Verlierer“, sagt er: „In den Jahren 2023, 2024 spätestens muss man liefern können, sonst machen andere das Geschäft.“

          Will er damit andeuten, dass die unterlegenen Konkurrenten, meist aus China, das Projekt torpedieren? Wolfgang Schmutz will sich dazu nicht äußern, zu heikel all das. Aber natürlich, es könnte so sein, dass jemand die Unruhen nach der umstrittenen Präsidentenwahl für eigene Zwecke genutzt haben könnte. Bisher wird das große Geschäft mit dem heiß begehrten Lithium schließlich woanders gemacht, in Chile und Argentinien.

          „Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen“, sagt aber ganz kämpferisch Stefan Kosel, der mit Wolfgang Schmutz das Engagement der Schwaben in Bolivien anberaumt hat. Er wird sich am Wochenende aufmachen ins Departement Potosí und versuchen, Gespräche zu führen, mit dem Bischof, dem Gouverneur, mit allen, die beitragen können, den Lithium-Abbau doch noch zu ermöglichen.

          Den protestierenden Anrainern geht es vor allem um Geld. Sie fordern eine Erhöhung der staatlich geregelten Lizenzgebühren von 3 auf 11 Prozent. „Ich darf mich da nicht einmischen“, sagt Schmutz vorsichtig, stellt aber Linderung in Aussicht: „Wir werden im Rahmen einer Stiftung tun, was wir können. Geplant ist, dass ein Teil der Acisa-Gewinne in die Region um den Uyuni-Salzsee fließen.“

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