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Studie zu Karrieren : Ostdeutsche schaffen es selten in die Chefetagen

die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel war als Ostdeutsche in einer Führungsposition weitestgehend allein. Bild: AP

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich wenig geändert: Die deutschen Eliten kommen aus dem Westen. In der Wirtschaft ist das Phänomen besonders ausgeprägt.

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          Das Aushängeschild hat ausgedient: 16 Jahre stand Angela Merkel an der Spitze der Bundesregierung und symbolisierte damit die Aufstiegsmöglichkeiten von Menschen mit ostdeutscher Sozialisation. Doch die Realität sieht auch drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung anders aus, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt. Demnach zeigt sich im Vergleich mit früheren Erhebungen, „dass ein in den letzten Jahren erwartetes Nachrücken Ostdeutscher in Elitepositionen kaum stattfindet“.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          In vielen gesellschaftlichen Bereichen wie der Politik, der Wirtschaft, den Medien aber auch in der Wissenschaft stagnierten die Anteile dagegen, je nach betrachteter Position gingen sie sogar zurück. Lediglich in der Justiz sei ein stabiles Nachrücken auf niedrigem Niveau in den Ergebnissen sichtbar, heißt es in der Studie, die im Rahmen eines MDR-Projekts und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Leipzig erstellt und im Rahmen des Ostdeutschen Wirtschaftsforums vorgestellt wurde. Dabei wurden Daten aus dem Zeitraum Oktober 2021 bis April 2022 mit Erhebungen aus den Jahren 2004 und 2016 verglichen. Als Ostdeutsch gilt, wer in der DDR oder nach der Wende in den ostdeutschen Bundesländern vornehmlich sozialisiert wurde.

          Weit entfernt vom Bevölkerungsanteil

          Die Autoren kommen insgesamt zu dem Ergebnis, dass der Anteil Ostdeutscher in den bundesdeutschen Eliten von knapp 2 auf rund 3,5 Prozent gestiegen ist. Für die Führungspositionen speziell in Ostdeutschland kletterte der Wert von 23 auf 26 Prozent. Insgesamt sind diese Anteile aber „weiterhin weit entfernt von den entsprechenden Bevölkerungsanteilen Ostdeutscher auf der jeweiligen Ebene“, lautet die Einordnung.

          „Die geringe Repräsentation Ostdeutscher in den Eliten, darauf deuten die Entwicklungen in den Daten hin, verfestigt sich also.“ Gleichzeitig zeigten aber zumindest die höheren Anteile in den Positionen hinter der Spitze wie etwa Staatssekretäre oder Hochschulkanzler, dass in den Subeliten eine größere Anzahl Ostdeutscher zu finden sein könnte.

          Auf der Suche nach den Gründen für den ausbleibenden Aufstieg von Ostdeutschen sind die Wissenschaftler vor allem auf ein Erklärungsmuster gestoßen: Demnach finden Karrieren von Eliten außerhalb von Berlin vor allem in die westdeutschen Bundesländern statt. Da dies auch für Ostdeutsche gelte, verringerten sich ihre Chancen, aus dem Osten heraus aufzusteigen. Das bedeute, dass die Elitenauswahl immer noch vor allem im Westen stattfinde.

          Einen ausführlichen Blick haben die Studienautoren auf die Wirtschaftseliten geworfen. Dabei wurden die Geschäftsführer und die Vorstandsvorsitzenden der 100 größten Unternehmen Ostdeutschlands berücksichtigt, sowie deren Stellvertreter. Zudem die Vorstandsmitglieder der im wichtigsten Börsenindex Dax notierten Unternehmen. Dabei zeigt sich, dass die Unternehmen vor allem von Managern und Managerinnen aus Westdeutschland dominiert werden: Zwei Drittel kommen aus dem Westen, nur ein Fünftel stammt aus dem Osten – letzter Wert liegt damit nur sechs Prozentpunkte über dem von ausländischen Führungskräften. Nachdem die Quote der ostdeutschen Führungskräfte zwischen 2004 und 2016 von 20 auf 25 Prozent gestiegen war, ergibt sich seitdem bis heute ein Rückgang. Auch auf der zweiten Führungsebene ergibt sich ein ähnliches Bild: 27 Prozent für Ostdeutsche stehen 59 Prozent für Westdeutsche und Ausländer gegenüber. Damit hat sich die Annahme aus der Vergangenheit nicht bewahrheitet, dass Ostdeutsche zumindest im erweiterten Führungskreis gute Aufstiegsmöglichkeiten besitzen.

          Immer häufiger Zweigstellen des Westens

          Die Studienautoren weisen in diesem Zusammenhang auf eine weitere Entwicklung hin: Von den betrachteten 100 größten Unternehmen im Osten haben demnach lediglich knapp 40 Prozent auch ihren Stammsitz auch im Osten. 2016 habe der Wert noch 49 Prozent betrage. „Die größten ostdeutschen Unternehmen sind also immer häufiger Tochterfirmen nicht-ostdeutscher Konzerne. Da diese Konzerne die Leitung von Tochterfirmen nicht selten mit Nachwuchs- und Fachkräften aus ihrer Konzernstruktur heraus besetzen, sind die Chancen für Ostdeutsche geringer einzuschätzen.“ Die Zahlen stützen die Vermutung: Sitzt die Eigentümergesellschaft in Westdeutschland, werden die ostdeutschen Tochtereinheiten zu 74 Prozent von Westdeutschen und nur zu 13 Prozent von Ostdeutschen geführt. 2016 waren es noch 29 Prozent.

          Die geringere Wirtschaftskraft Ostdeutschlands hat auch erheblichen Einfluss auf die bundesdeutschen Wirtschaftseliten und deren Ost-Anteil. Kein einziges ostdeutsches Unternehmen ist im mittlerweile auf 40 Mitglieder erweiterten Premiumindex Dax gelistet. Die meisten von ihnen sitzen in Bayern, NRW, Niedersachsen und in Baden-Württemberg. Auch keiner der 40 Vorstandschefs und -chefinnen kommt aktuell aus einem der ostdeutschen Bundesländer. Zieht man den Kreis weiter, befanden sich unter 247 untersuchten Vorstandsmitgliedern dieser Konzerne 2016 gerade einmal drei Ostdeutsche. Mit dem Stichtag der Erhebung seien es dann nur noch zwei gewesen, hält die Studie fest.

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