Lizenzdeal mit Indie-Labels :
Der nächste Musik-Ärger für Tiktok

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Die japanisch-amerikanische Künstlern Mitski hat mehr als 28 Millionen monatliche Hörer und zwei Millionen Tiktok-Follower: Sie arbeitet mit dem Merlin-Mitglied Dead Oceans zusammen.
Die japanisch-amerikanische Künstlern Mitski hat mehr als 28 Millionen monatliche Hörer und zwei Millionen Tiktok-Follower: Sie arbeitet mit dem Merlin-Mitglied Dead Oceans zusammen.EPA

Der Disput mit Universal Music und die zeitweise Entfernung der Songs von Taylor Swift und vielen anderen Stars auf Tiktok ist noch nicht lange her. Nun gibt es neuen Streit, dieses Mal mit den Indie-Labels. Was steckt dahinter?

Tiktok und die Musikindustrie pflegen eine besondere Beziehung. Die Kurzvideo-App setzt sich gerne als eines der wichtigsten Tools für die Entdeckung und die Vermarktung von Musik in Szene, die Streams und Co. befeuert. Eine Einschätzung, die die Branche in guten Teilen unterschreibt. Über die Art und Weise der Zusammenarbeit – gerade über ihre finanzielle Seite und die Summen, die Tiktok für die Nutzung von Musik zahlt – gibt es aber immer wieder unterschiedliche Ansichten.

Das für sich genommen ist keine Seltenheit zwischen Tech-und Musikunternehmen, sondern eher die Regel. Doch wie der Streit zwischen der Plattform mit ihren weit mehr als eine Milliarde vor allem jungen Nutzern und Universal Music , dem weltgrößten Musikkonzern, Anfang des Jahres eskalierte, war dann doch unüblich. Drei Monate lang konnten Tiktok-Nutzer keine Songschnipsel von Taylor Swift, Billie Eilish und zahllosen anderen Interpreten für ihre Videos nutzen. Zwei Monate fehlte Universals Verlagskatalog und damit auch Aufnahmen von vielen Künstlern, die auf Label- oder Vertriebsseite nicht mit Universal zusammenarbeiteten.

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Merlin als verkapptes viertes Major

Nun gibt es den nächsten musikalischen Disput, dieses Mal geht es um den Deal mit Merlin. 2008 gegründet, fungiert Merlin als gemeinsame Lizenzplattform von diversen Indie-Labels und Vertrieben. Eigenen Angaben zufolge stehen die über die ganze Welt verteilten Mitglieder für 15 Prozent des Umsatzes auf dem globalen Markt für Musikaufnahmen. Darunter sind Werke von Chance The Rapper, Mitski, Phoebe Bridgers und vielen anderen. Mitunter wird der Zusammenschluss auch als viertes Major bezeichnet, in Anlehnung an die drei Branchenriesen Universal, Sony und Warner Music. In dieser gebündelten Marktmacht liegt der Grund für den Zusammenschluss: Indem man das Repertoire gemeinsam an Streamingdienste und andere Plattformen lizensiert, verspricht man sich bessere Deals als in einzelnen Verhandlungen.

Ende September wurde allerdings bekannt, dass Tiktok keinen weiteren Merlin-Deal mehr abschließen, sondern mit den Mitgliedern einzeln verhandeln wollte. Der jüngste ist am Freitag ausgelaufen. Zur Begründung führte das zum chinesischen Bytedance -Konzern gehörende Unternehmen an, dass es in der Vergangenheit „operative Probleme“ gegeben habe. Es sei mitunter Musik geliefert worden, die nicht mit Blick auf die urheberrechtliche Lage geprüft worden sei. „Dies stellt eine große Bürde dar, und durch den Direktvertrieb können wir eine bessere Kontrolle ausüben und auch engere Beziehungen zu den Merlin-Mitgliedern aufbauen“, heißt es von Tiktok. Man müsse in der Lage sein, die Qualität der Inhalte, die auf die Plattform hochgeladen werden, „zu kontrollieren und sicherzustellen, dass alle gelieferten Inhalte legitim sind“.

Beispielsweise sogenannte „Sped-up“-Versionen von Songs, wo die Original-Aufnahme verändert wurde und die Rechteinhaber nicht oder nur schwer identifiziert und vergütet werden können, sind schon länger ein bekanntes Problem. Die Musikindustrie drängt auch immer wieder auf mehr Anstrengungen auf Seiten der Plattformen etwa mit Blick auf bessere Content-Management- und Tracking-Systeme.

„Merlin ist das Beste, was die Indie-Community jemals geschaffen hat“

Merlin betonte in einem Brief an seine Mitglieder, dass man das Thema und auch das Problem der Manipulationen auf Streamingdiensten absolut im Blick und längst diverse Maßnahmen umgesetzt habe, die bis zur Entfernung von Mitgliedern aus dem Merlin-Netzwerk führen könnten. Bislang habe Tiktok in der Zusammenarbeit diesbezüglich nie Bedenken geäußert, betont Merlin. Tiktok zahle „substantiell“ weniger im Vergleich zu anderen Plattformen und verlasse sich offenbar darauf, dass Künstler es sich nicht erlauben könnten, auf die App zu verzichten.

Mit der Entscheidung, nicht über einen neuen Einzeldeal zu verhandeln, verfolge Tiktok wohl die Strategie, die Merlin-Mitglieder zu spalten, um dann weniger auszahlen zu müssen, heißt es weiter. Neben anderen hatte zuletzt auch der europäische Indie-Dachverband Impala an Tiktok appelliert, mit Merlin wieder zu verhandeln und in der Zwischenzeit weiter den bis Ende Oktober gültigen Vertrag anzuwenden. Der Verband verweist auch auf Tiktoks Rolle als „Gatekeeper“ in der EU. Gegen die Einstufung und die daraus resultierenden Pflichten hatte sich Bytedance erfolglos gewehrt.

Die Chancen auf eine neue Lizenzvereinbarung auf Merlin-Ebene sind aber wohl gering. Wie mit der Angelegenheit vertraute Quellen der F.A.Z. bestätigten, hat Tiktok schon mit den meisten Merlin-Mitgliedern direkte Verträge abgeschlossen. Wie viel Repertoire oder Umsatz diese repräsentieren, war zunächst nicht bekannt. Die „überwiegende Mehrheit“ der bislang von Merlin lizensierten Musik dürfte aber nach Auslaufen des Merlin-Deals auf Tiktok verbleiben, hieß es weiter.

Details zu den Deals – finanzielle oder über ihre Ausgestaltung – gibt Tiktok wie üblich in diesen Fällen nicht preis. Mit United Masters und Ditto haben aber zumindest zwei große Vertriebs- und Service-Plattformen aus der Reihe der Merlin-Mitglieder mitgeteilt, dass sie Direkt-Verträge unterschrieben haben. Der Fachseite „Music Business Worldwide“ zufolge haben aber auch große Label-Gruppen wie Empire oder die Beggars-Group , auf derem Label XL nicht zuletzt Adele groß wurde, nunmehr eigene Verträge.

„Merlin ist das Beste, was die Indie-Community jemals geschaffen hat“, sagte ein Manager eines größeren Mitgliedes der F.A.Z. Tiktok habe diesen Fortschritt nun zurückgedreht. Auch sein Unternehmen hat nun einen direkten Deal mit Tiktok, wie genau sich dieser finanziell auswirken werde, müsse man sehen. Das gelte auch für die Frage, ob andere Plattformen wie die Streamingdienste womöglich auch perspektivisch auf einzelne Verträge pochen könnten. Nicht zuletzt der hohe administrative Aufwand könnte dagegen sprechen.

Die finanzielle Basis des neuen, direkten Tiktok-Deals sei jedenfalls besser als beim ausgelaufenen Merlin-Deal, sagt er, aber angesichts des Wachstums von Tiktok wäre dies wohl auch bei einem neuerlichen Merlin-Vertrag so gewesen. Eine Kernänderung, die auch Merlin gefordert hätte, ist ihm zufolge, dass die Zahlungen nun auf Basis der Ansichten von Videos mit einem Song berechnet werden anstatt nach der Summe der reinen Nutzung von Songs für die Erstellung von Clips.

Kritik an Zahlungsbereitschaft von Tiktok

„Wir haben viel verhandelt, haben mit unserer Größe aber auch eine andere Basis als kleinere Mitglieder“, sagte der Musikmanager. Auch habe man alles, was auf dem Tisch gelegen habe, stets mit Merlin geteilt. Die Gespräche seien nach dem anfänglichen Ärger über den Schritt gut und fair gewesen – obgleich er Tiktoks Begründungen mit Verweis auf eine engere Beziehung zu den Indies oder den Problemen mit manchen Inhalten nicht wirklich nachvollziehen könne. Zudem verweist er auf einen grundsätzlichen Punkt: „Die Bereitschaft für Musik zu bezahlen ist unter allen werbebasierten Angeboten auf dem Markt bei Tiktok am geringsten“. Und das, obwohl Musik für Tiktok zentral sei und die App stark wachse. Auch Universal hatte darauf verwiesen, dass Ausschüttungen von Tiktok nur ein Prozent des Umsatzes ausmachten. Im Jahr 2023 belief dieser sich auf 11,1 Milliarden Euro. Tiktok wiederum veröffentlicht keine Zahlen, der Umsatz soll aber längst bei weit mehr als zehn Milliarden Dollar im Jahr liegen.

Sorgt Tiktoks Verhandlungstaktik auf Seiten vieler Indies für wenig Begeisterung, so war und ist die Vielfalt seiner Mitglieder für Merlin durchaus eine Herausforderung. Die Interessen von Rechteinhabern und Vertrieben unter einen Hut zu bekommen, sodass beide ihre Interessen ausreichend berücksichtigt sehen, sei schon immer „eine interessante Dynamik“ gewesen, beschrieb Beggars-Chef und Merlin-Mitinitiator Martin Mills die Gemengelage Anfang Februar in einem Interview auf der Merlin-Webseite.

In der Tat unterscheidet sich die Arbeit gerade von Direktvertrieben, über die ein Jeder gegen eine geringe Gebühr Musik veröffentlichen kann, enorm vom klassischen Label-Geschäft mit gezielter Aufbau- und Vermarktungsarbeit einzelner Künstler. Für Vertriebe kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Mit Soundon besitzt und betreibt Tiktok selbst einen Musikvertrieb. Auf der App nicht präsent zu sein, dürfte bei manchen auch als Risiko gesehen werden, womöglich Kunden zu verprellen.

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