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Hauptversammlung : Langweilig wird es im Volkswagen-Reich nie

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Volkswagens Neuer: Herbert Diess führt seit kurzer Zeit den gesamten Konzern. Bild: dpa

„Dieselgate“, Tierversuche und der überraschende Wechsel an der Konzernspitze: Heute trifft die Volkswagen-Führung auf ihre Aktionäre.

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          Kurz und knapp die Lage darstellen, ein paar freundliche Nachfragen, schnelle Entlastung für Vorstand und Aufsichtsrat – genau so läuft eine Volkswagen-Hauptversammlung in der Regel nicht ab. Dabei gäbe es eine Reihe von Gründen dafür. Denn der größte Autokonzern der Welt fährt der Abgas-Affäre mit Millionen von manipulierten Dieselmotoren immer schneller davon, das Geld sprudelt, und der Absatz bricht alle Rekorde.

          Ein Scherbengericht für das Spitzenmanagement und den Aufsichtsrat wie vor zwei Jahren dürfte es daher beim (heutigen) Aktionärstreffen in Berlin kaum geben. Auch Ärger und Verbitterung der Anteilseigner dürften deutlich weniger greifbar sein.

          NordLB-Analyst Frank Schwope erwartet eine eher friedliche Hauptversammlung: „Ich glaube nicht, dass große Unruhe droht.“ Auch Branchenexperte Stefan Bratzel geht davon aus, dass die Stimmung vergleichsweise gut sein dürfte, die Ergebnisse wiesen schließlich in die richtige Richtung: „Es war nicht alles falsch in den letzten Jahren.“

          Der Aufräumer

          Was allerdings möglicherweise bohrende Nachfragen nach sich ziehen könnte, ist der etwas überraschende Wechsel an der Konzernspitze, den Volkswagen Mitte April verkündet hatte. Herbert Diess, bis dahin allein für die Kernmarke mit dem VW-Logo verantwortlich, löst Matthias Müller ab – und will der Unternehmensgruppe künftig bei Innovationen Beine machen. Bedeutet dies, dass der Aufsichtsrat und die Volkswagen-Eigner um die Familien Porsche und Piëch den früheren Konzernchef tatsächlich als eine Art „lahme Ente“ betrachten, wie der Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer mutmaßt?

          Analyst Schwope winkt ab. Müller habe den Job bei Volkswagen, den er als Nachfolger von Martin Winterkorn im September 2015 antrat, als dieser von „Dieselgate“ aus dem Amt gefegt wurde, von Anfang an „nicht mit Euphorie“ ausgefüllt. Aber er habe den Großteil der Aufräumarbeiten nach dem Skandal übernommen.

          Wer steht an der Seite von Diess?

          Außerdem verordnete Müller dem Autohersteller eine neue Kultur. Diese aber gilt es immer noch richtig im Unternehmen zu etablieren. „Man muss Vertrauen zurückgewinnen“, betont Bratzel. Das sei aber nur möglich, wenn es einen wirklichen Kulturwandel gebe.

          Bratzel erwartet zudem, dass Diess „ein Stück weit“ sagen wird, wie er Akzente setzen und in welche Richtung er weiter vorangehen wolle. „Was tut er dafür, dass die Transformation der Industrie bei Volkswagen gelingt?“, fragt er. Notwendig sei eine langfristige Vision für die nächsten fünf bis sechs Jahre gerade auch vor dem Hintergrund des tiefgreifenden Wandels in der Branche, die den großen Trend hin zu E-Mobilität und immer stärkerer Vernetzung bewältigen muss.

          Auch Dudenhöffer erhofft Aufschluss darüber, wie der neue Konzernchef VW aufstellen will. Voraussichtlich noch nicht bekannt wird, wer der neue Verantwortliche fürs Tagesgeschäft der Marke VW wird, der „Chief Operating Officer“, der Diess zur Seite gestellt werden soll. Sollte der Posten extern besetzt werden, dann sei man möglicherweise noch auf der Suche, schätzt Dudenhöffer.

          Klar ist: Auch wenn die Geschäfte wieder laufen, bleiben noch einige dunkle Wolken am Horizont. Da sind etwa die Anlegerklagen – Investoren werfen VW vor, im September 2015 zu spät über die Abgas-Manipulationen informiert zu haben.

          Da staunt sogar die Kanzlerin

          Nach dem Bekanntwerden der Manipulationen war der VW-Aktienkurs stark gefallen und hatte zwischenzeitlich fast die Hälfte ihres Werts verloren. Auch gegen frühere und aktuelle Manager wird ermittelt. Zudem klagen Tausende Autobesitzer gegen den Hersteller oder ihren Autohändler – in der Hoffnung auf Schadenersatz oder die Rücknahme der Autos mit der Betrugs-Software.

          Auf der Haben-Seite dürfte stehen: Die aktuellen Geschäfte laufen wie geschmiert, auch wenn der Dieselanteil an den verkauften Autos in Deutschland seit einiger Zeit sinkt. Damit dürfte es künftig deutlich schwieriger werden, die immer strengeren Vorgaben der EU zum Ausstoß des Klimagases CO2 zu erfüllen.

          Aber auch die Bezahlung der Vorstände bleibt ein Aufreger. Die Vergütung der Mitglieder des Konzernvorstands stieg 2017 auf rund 50,3 Millionen Euro nach 39,5 Millionen Euro im Jahr zuvor. Ein Thema, zu dem sich auch Kanzlerin Angela Mekel (CDU) „erstaunt“ äußerte. Darüber hinaus sorgte Müller unlängst mit DDR-Vergleichen in Gehalts- und Regulierungsfragen für Unmut. Man sieht: VW hat noch einige Aufreger in petto.

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