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Kommentar : Der taumelnde Stromriese

Nur wenig Dampf steigt aus dem RWE-Braunkohlekraftwerk in Frimmersdorf Bild: dpa

Nach fast 120 Jahren kämpft RWE um seine Existenz. Der Vorstandsvorsitzende liebäugelt mit einem radikalen Schritt, doch eine Aufspaltung bietet keinen Ausweg.

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          Die fast 60.000 Beschäftigten von RWE können von Glück sagen, dass das Wohl des Essener Energiekonzerns in der nordrhein-westfälischen Landespolitik mehr zählt als das Wohlverhalten gegenüber der parteiübergreifenden Berliner Klimaschutzfraktion. Doch auch ohne die Klimaabgabe, die den noch einigermaßen rentablen Braunkohlemeilern wohl den Garaus gemacht und den Stromversorger vollends aus der Bahn geworfen hätte, steht es schlimm genug. Nach fast 120 Jahren kämpft das einst vor Kraft strotzende Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk um seine Existenz.

          Der vorläufige Tiefpunkt war Ende vergangener Woche erreicht. Nach einer desaströsen Zwischenbilanz ist die Aktie auf ihren niedrigsten Stand seit einem Vierteljahrhundert gefallen. Dass sich RWE neu aufstellen will, Ballast und Bürokratie abwirft, um schneller und beweglicher zu werden, lässt die Börse kalt. Mit gerade mal 10 Milliarden Euro bewertet sie den hochverschuldeten Ruhrkonzern, der mit Rückstellungen in etwa gleicher Höhe für die Altlasten seiner Atomkraftwerke geradestehen soll. Der Vorstandsvorsitzende Peter Terium kann gar nicht so schnell gegensteuern, wie die Gewinne sinken. In seinen gut drei Jahren an der Spitze sind mehr als 13.000 Stellen verschwunden, trotzdem hat sich das Ergebnis halbiert.

          Taumelnd sucht der Konzern nach seinem Weg durch die Energiewende. Als größten deutschen Stromproduzenten trifft ihn der Boom der Erneuerbaren wie keinen anderen Versorger. Während der Düsseldorfer Konkurrent Eon in diesem Jahr „nur“ 17 Prozent an Wert verloren hat, war es bei RWE ein Drittel. In atemberaubendem Tempo schwinden die Erträge aus den großen Kraftwerken, die 2012 noch mehr als die Hälfte des Betriebsergebnisses lieferten. Wind- und Sonnenenergie haben Vorfahrt, decken dank staatlich gesicherter Vergütungen einen wachsenden Teil des Bedarfs. Hohe Überkapazitäten lasten auf dem Markt.

          Gab es vor zwei Jahren um die 50 Euro je Megawattstunde, sind es heute gerade 30 Euro. Die meisten Gaskraftwerke rechnen sich nicht mehr, auch für ältere Steinkohlemeiler wird es eng. Mehr als ein Drittel der RWE-Kraftwerke ist finanziell unter Wasser. Der Niedergang wird sich verschärfen. Denn einen großen Teil seines Stroms verkauft der Konzern zu Preisen, die schon vor Jahren vereinbart worden sind. Daher fressen sich die Preissenkungen immer stärker in die Bücher. In ein, zwei Jahren könnte das Kraftwerksgeschäft komplett in die roten Zahlen abrutschen. Auch wenn RWE noch auf die Hilfe der Politik setzt: Einen Kapazitätsmarkt, in dem die Stromversorger dafür bezahlt werden, dass sie Kraftwerke für windstille und bedeckte Tage vorhalten, wird es nach Lage der Dinge vorläufig nicht geben.

          Einzige Chance: Investieren trotz hoher Schulden

          RWE ist der Dinosaurier in der neuen dezentralen, auf klimaschonenden Strom ausgelegten Energiewelt. Rund 60 Prozent seines Stroms stammen aus Stein- und Braunkohle – bei Eon sind es nur 27 Prozent. Die Energiewende hat RWE schlicht verschlafen. Die Neuausrichtung war längst absehbar, als Teriums Vorgänger noch Milliarden in Gas- und Kohlekraftwerke steckten. Auch Eon ist spät auf den Zug aufgesprungen. Doch dort haben die Erneuerbaren nun mit einem Sechstel der Eigenerzeugung eine Größenordnung erreicht, die den Konzern nach der Abspaltung des konventionellen Kraftwerksparks in eine grüne Zukunft tragen könnte.

          Auch wenn Terium öffentlich mit einem ebenso radikalen Schritt liebäugelt: Dieser Fluchtweg aus der Misere erscheint kaum als eine echte Option. Dafür fehlt es an der notwendigen Substanz. Noch ist das Ökostromgeschäft bei RWE viel zu klein, um einen grünen Ableger in Schwung zu halten. Umgekehrt wäre auch das Kraftwerksgeschäft ohne Vertrieb, Netze und Handel, die noch für verlässliche Einnahmen sorgen, bald am Ende.

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          Übrig bliebe der Versuch, durch die Spaltung wenigstens die Haftungsrisiken für die Atomkraftwerke abzuschütteln. Aber wie sich bei Eon zeigt, wird die Politik diesen Ausweg mit ziemlicher Sicherheit blockieren. Auch ist schwer vorstellbar, dass die Ruhrgebietsstädte, denen RWE zu einem Viertel gehört, dabei mitmachen. Schon die vergangene Woche beschlossene neue Organisationsstruktur, in der die kommunalen Eigner auf Macht und Einfluss verzichten, glich für den auf Konsens bedachten Konzern einer mittleren Revolution. Doch die Not ist inzwischen so groß, dass die Konzernführung mehr Handlungsfreiheit benötigt.

          Einige erste Lichtblicke immerhin gibt es. Die Ökostromsparte Innogy liefert steigende Erträge aus zwei neuen großen Windparks, weitere Projekte sind in Vorbereitung. Auch der Vertrieb kommt langsam voran. Produkte rund um die intelligente Haussteuerung, digitale Stromzähler oder die Elektromobilität sind allerdings erst zarte Pflänzchen. Auf diese Wachstumsfelder, zu denen auch das Netzgeschäft gehört, richten sich die Hoffnungen, als integrierter Konzern bestehen zu können. Doch dafür muss RWE trotz hoher Schulden kräftig investieren – auch zu Lasten der Dividende. Den Eigentümern stehen magere Zeiten bevor, aber einen anderen Rettungsweg gibt es für den bedrohlich angeschlagenen Konzern nicht mehr.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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