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Zum 10. Geburtstag : „Fernsehen ist kaputtes Youtube“

2014 der Youtube-Hit: Ein als Spinne verkleideter Hund Bild: Screenshot Youtube

Die Online-Plattform Youtube hat unbekannte Menschen zu Stars gemacht. Jetzt revolutioniert sie auch noch die Art und Weise, wie wir Fernsehen schauen.

          Wer schon einmal versucht hat, eigenhändig einen neuen Spülkasten für die Toilette einzubauen, weiß Youtube zu schätzen. Alle Einzelteile liegen sorgsam ausgebreitet im Badezimmer, die ersten Schritte gehen erstaunlich leicht von der Hand. Aber am entscheidenden Punkt ist die Montageanleitung skandalös ungenau. Das Rohr passt am einen Ende zwar in die Öffnung, stößt am anderen aber ins Leere - und die sprachlich ungelenk formulierte Beschreibung tut einfach so, als gäbe es da kein Problem.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Bevor sich die Verzweiflung vollends Bahn bricht, bietet die Online-Videoplattform Youtube die Lösung. In kompakten 9 Minuten und 50 Sekunden erklärt ein kompetent wirkender Handwerker mittleren Alters in aller Ruhe die Geheimnisse der erfolgreichen Spülkastenmontage.

          Videotechnisch ist er nicht gerade Profi, das muss man zugeben - der Ton klingt blechern, die Kameraführung ist einfallslos. Dafür wirkt er sehr authentisch, wie er so im Blaumann vor einer nagelneuen Kloschüssel kniet, den Zollstock in der Hand. Mehr als 105 630 Mal wurde das Video schon angesehen. 105 630 Mal hat der Blaumann damit womöglich größere Missgeschicke verhindert. Das ist Youtube.

          Zumindest ist es das Youtube, das Millionen von Menschen jenseits der 30 benutzen. Sie lesen von Christian Lindners Wutrede im nordrhein-westfälischen Parlament in der Zeitung oder im Internet und finden in Sekundenschnelle genau den Ausschnitt aus einer langen Rede, den sie brauchen: 3:27 Minuten dauert der Ausbruch des FDP-Politikers über einen Zwischenruf aus den Reihen der SPD. Selbst Gitarrenkurse finden inzwischen ein Millionenpublikum. Zum absoluten Knaller wird allerdings vor allem Selbstgedrehtes, das wahlweise kleine Hunde oder kleine Babys in sonderbaren Situationen zeigt.

          Die Youtube-Welt von Menschen unter 30 sieht dagegen ganz anders aus. Sie gucken nicht nur alle paar Wochen mal vorbei, wenn gerade ein Superhit die Runde macht. Sie sind registrierte Mitglieder und haben sich ihr eigenes Youtube-Fernsehen eingerichtet. Dort haben sie Lieblingskanäle abonniert, die sie jederzeit abrufen können, um zu sehen, was ihre Stars so den ganzen Tag machen. Das ist häufig nicht gerade anspruchsvoll - Schminken, Tanzen, Einkaufen, Computerspielen -, aber trotzdem scheinbar irgendwie sehenswert.

          Ein schriller Aufstieg

          Von diesen Sternchen hat man außerhalb der Youtube-Welt kaum gehört, doch ihre echten Fans erkennen sie sofort. Eltern berichten verstört von Einkaufsbummeln, die völlig aus dem Ruder laufen, weil ihre minderjährigen Kinder in der Frankfurter Innenstadt zufällig „die Lochis“ treffen. 1.154.319 Nutzer haben den Kanal der singenden Zwillinge abonniert. Das sind mehr als eine Million Menschen, die diese beiden Jungen problemlos auf der Straße erkennen könnten - wenn sie nicht gerade in der Schule hocken.

          Das ist die ganze Welt von Youtube. Vor zehn Jahren ging die Online-Plattform ins Netz. Im Februar 2005 ließen die drei Gründer Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim, drei frühere Mitarbeiter des Online-Bezahldienstes Paypal, die Webadresse „YouTube“ registrieren. Die ersten Filme waren dort drei Monate später zu sehen. Der unaufhaltsame Aufstieg der Videoplattform gehört zu den schrillen Erfolgsgeschichten, die wohl nur das Silicon Valley zu bieten hat. Es dauerte nicht einmal zwei Jahre, da kaufte der Internetkonzern Google den Pionier für 1,6 Milliarden Dollar.

          Seitdem ist der Markt mit Bewegtbildern nicht mehr das, was er einmal war, sagt der Medienwissenschaftler Bertram Gugel. Das Wort „Fernsehen“ nimmt er in Zusammenhang mit Youtube lieber nicht in den Mund. Es ist schlicht zu klein, um das Phänomen zu beschreiben, findet er.

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