Wohnen in Paris : Labor für neue Lebensformen

Lange galt das 10. Arrondissement in der feinen Gesellschaft als schäbig: Ein Viertel der Einwanderer und kleinen Leute. Doch die Kulisse ist zu pittoresk pariserisch, um unentdeckt zu bleiben.
Woody - so nannten ihn die Bewohner der Straße. Der kleine Mann mit der schwarzen Brille und den wirren grauen Haaren kam immer abends die Rue Bouchardon entlang, machte den Reißverschluss seiner Hose auf und pinkelte gemütlich an den Laternenpfahl vor dem heruntergekommenen Couscous-Restaurant „Ma Bicoque“. Neben ihm, auf der Restaurantterrasse, aßen derweil müde Büroangestellte Tajine au poulet, und verliebte Paare tranken Rosé zu Spottpreisen. Die Gäste schauten nur kurz auf die Gestalt am Laternenpfahl, fischten die Eiswürfel aus dem Rosé und warfen sie aufs Trottoir. Woody machte seine Hose wieder zu, ging dann in die Telefonzelle vor der Couscous-Baracke und führte wirre Selbstgespräche, die durch die dünne Glaswand zu hören waren. Die Cohabitation von Woody und Restaurantgästen ging über zehn Jahre so, auf der Rückseite des Théâtre de la Renaissance im 10. Arrondissement von Paris, vor den malerischen Fluchttreppen aus Eisen, die diese Ecke von Paris aussehen lassen wie das Musical-Plakat der „West Side Story“.





