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Carsten Knop

Haniel-Kommentar : Ein Familienkonzern als Schwatzbude

  • -Aktualisiert am

Noch-Chef und Noch-Aufsichtsrat bei Metro: Eckhard Cordes (links) und Jürgen Kluge Bild: dapd

Nach monatelangem Streit im Reich der Haniels haben alle Beteiligten Schaden davon getragen. Es bleibt die Frage, wie das Unternehmen zurück in die Erfolgsspur kommt - und vor allem: mit welchen Führungskräften?

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          Jürgen Kluge müsste nicht mehr arbeiten. Der Chef des Duisburger Familienunternehmens Haniel, der bis vor ein paar Tagen auch Aufsichtsratsvorsitzender des Handelskonzerns Metro war - und vor noch etwas längerer Zeit auch einmal Deutschland-Chef von McKinsey, hat genug Geld. Er hat Hobbys, die mancher für etwas schräg hält. Er hat Humor. Er ist im Umgang herzlich. Ein Leben nach dem Beruf würde ihm gewiss nicht langweilig.

          Und dann ist er eiskalt. Kluge hat Eckhard Cordes, den scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Metro, nie gemocht, auch wenn er diese Einstellung öffentlich stets hinter einem spitzbübischen Lächeln verborgen hat. Die Abneigung war schon kurz nach Kluges Amtsantritt als Haniel-Chef Anfang des Jahres 2010 mit Händen zu greifen. Seither war für Cordes die Lage an der Spitze der Metro ungemütlich.

          Reichlich Sprengstoff in den Vorstandszimmern

          Denn Haniel ist einer der beiden wesentlichen Großaktionäre des Dax-Konzerns. Zudem war Cordes Kluges Vorgänger als Haniel-Chef. Da fand sich reichlich Sprengstoff in den Vorstandszimmern: Mit beiden Alphatieren gemeinsam arbeiten zu wollen war von Anfang an eine schlechte Idee. Auf die Idee war Franz Markus Haniel gekommen, das Familienoberhaupt der Haniels - und zugleich wohl der künftige Metro-Aufsichtsratsvorsitzende.

          Auch Fritz Oesterle hatte mit Jürgen Kluge keine Freude. Oesterle war bis vor ein paar Monaten der Vorstandsvorsitzende des Pharmagroßhändlers Celesio in Stuttgart und wurde dann von Kluge abserviert. Denn auch auf Celesio hat Haniel den maßgeblichen Einfluss; folgerichtig ist Kluge hier ebenfalls Aufsichtsratsvorsitzender. Doch auch Kluge und Oesterle passten überhaupt nicht zusammen. Managementkulturen rieben sich aneinander, woraus nur negative Energie entstand. Zudem entwickelte sich der Celesio-Aktienkurs unbefriedigend genug, um die Haniels davon zu überzeugen, dass es auch mit Oesterle nicht mehr weitergehen sollte. Seit dessen Ablösung hat sich das Blatt bei Celesio allerdings auch noch nicht zum Besseren gewendet.

          Cordes und Oesterle sind also weg. Im Negativen hat Kluge seine Ziele damit erreicht. Aber im Positiven? Kluge sollte die Holdingstruktur von Haniel überarbeiten und effektiver machen. Er sollte und wollte neue, kleine Unternehmensperlen identifizieren, an denen sich eine Beteiligung lohnen würde. Diese Perlen sollte er dann erfolgreich weiterentwickeln. Er sollte Schulden abbauen. Das hat bisher alles nicht oder nur in Ansätzen geklappt.

          In den schon erwähnten Beteiligungsunternehmen Metro und Haniel sieht es nicht viel besser aus. Bei der Metro sind die Zahlen zwar gar nicht so übel, strategisch aber kommt wenig voran. Die Schuld daran darf man aber nicht allein Cordes in die Schuhe schieben. Verhandlungspartner, die zu wichtigen Projekten mit der Metro ins Gespräch kommen wollen, wissen nicht, an wen sie sich eigentlich wenden sollen - und das galt auch schon zu der Zeit, als Cordes eigentlich noch fest im Vorstandssattel zu sitzen schien. Es ist an der Zeit, dass hier einmal wieder jemand mit Handelserfahrung das Ruder übernimmt, der dann auch wirklich das Sagen hat.

          Nach monatelangem Streit sind jetzt alle beschädigt

          Nach monatelangem Streit im Reich der Haniels sind jetzt alle Beteiligten beschädigt. Oesterle genießt seine Freizeit, Cordes seine neue innere Freiheit. Kluge selbst hat seinen Aufsichtsratsvorsitz bei der Metro angeblich auf eigenen Vorschlag hin zurückgegeben. Und Familienoberhaupt Franz Markus Haniel steht als der Depp da. Er hat sich die Manager-Diven ins Haus geholt. Er wurde zu Loyalitätsadressen für Cordes gezwungen, deren Halbwertszeit in Tagen zu messen war. Er wird innerhalb des weitverzweigten Haniel-Clans dafür kritisiert, seinerzeit überhaupt so viel Geld für die Aufstockung der Anteile an der Metro ausgegeben zu haben. Und er wird von der Metro-Miteigentümerfamilie Schmidt-Ruthenbeck dafür gescholten, Cordes fallengelassen zu haben.

          Aber wie sieht nun der Neuanfang bei der Metro aus? Falls die Antwort darauf lauten sollte: mit einem Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Markus Haniel und einem Vorstandschef, der schon heute zum Vorstandsteam der Metro gehört, wäre dies nicht überzeugend. Und wie lange ist Kluge noch Haniel-Chef? Kluges Vertrag muss zu Beginn des kommenden Jahres verlängert werden. Haniel hat sich zwar ausdrücklich zu Kluge in dieser Funktion bekannt. Aber wie viel ist eine solche Zusage noch wert? Haniel hat sich in den vergangenen Jahren von einem verschwiegenen und erfolgreichen Familienunternehmen zu einer erratisch handelnden Schwatzbude verändert, deren Erfolge wahrlich größer sein könnten. Die Familie mit ihren mehr als 800 Mitgliedern lässt sich in ihren Interessen immer schwer bündeln. Franz Markus Haniel ist in seiner Stellung trotz aller Fehlentscheidungen nicht wirklich gefährdet, denn unter den vielen Haniels strebt bisher niemand in seine ungemütliche öffentliche Rolle. Und Kluge? Verliert er den Spaß, der ihm so wichtig ist, wird er die Brocken eher hinschmeißen, als sich hinauskomplimentieren zu lassen. Längst bleibt er hinter seinen eigenen Zielen zurück. Und das soll unter ihm schon so manchem den Spaß verdorben haben.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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