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Erdölkonzern : Der Kreml greift auf Rosneft zu

  • -Aktualisiert am

Igor Setschin Bild: REUTERS

Der gelernte Dolmetscher Igor Setschin führt Russlands größten Ölkonzern Rosneft. Im Auftrag Putins soll er einen zweiten Energieriesen nach Gasprom-Vorbild formen.

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          Rosneft, der größte russische Erdölkonzern, soll wachsen. Sein Vorstandsvorsitzender Igor Setschin bemüht sich um den Kauf des Konkurrenten TNK-BP, sei es zur Hälfte oder vielleicht komplett. Rosneft förderte 2011 etwa 2,4 Millionen Fass Rohöl am Tag, TNK-BP rund 1,5 Millionen Fass. Selbst wenn Rosneft nur die Hälfte von TNK-BP übernehmen würde, also entweder jene von BP oder jene der russischen Anteilseigner um das Konsortium AAR, würde das Unternehmen - gemessen an der Produktion - zum größten börsennotierten Erdölkonzern der Welt aufsteigen.

          Man könnte vermuten, eine solche Expansion würde von einem erfahrenen Manager geleitet, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Doch der 52 Jahre alte Setschin studierte Französisch sowie Portugiesisch und war Dolmetscher. Ein Dolmetscher, der Ende der achtziger Jahre vermutlich in den Fluren der Leningrader Universität auf einen gewissen Wladimir Putin traf. Mehr als 20 Jahre später leitet Setschin nicht nur einen vom Kreml kontrollierten Erdölkonzern, sondern gilt als einer der engsten Vertrauten des Präsidenten Putin. Neben Scharfsinn, Arbeitswut und Ehrgeiz, die ihm attestiert werden, steht Setschin für den stärkeren Griff des Kremls um strategisch wichtige Bereiche der Wirtschaft. Das ist vorrangig der Rohstoffsektor.

          Setschin blieb stets einige Schritte hinter Putin

          Wann genau sich Setschin und Putin das erste Mal begegneten, ist nicht bekannt. Der für Journalisten schwer zugängliche Setschin fand 1986 eine Stelle in der Universitätsverwaltung seiner Geburtsstadt Leningrad, wo er bis 1982 studierte. Dazwischen zog es ihn zweimal in die Stellvertreterkriege in den ehemaligen portugiesischen Kolonien Moçambique und Angola. In Moçambique arbeitete er als Dolmetscher in einer sowjetischen Exportfirma; in Angola übersetzte er im Dienste des Militärs. Wie die Zeitung „Wedomosti“ schreibt, war er dort auch an den Frontlinien im Einsatz. Dass er dabei mit dem KGB in Kontakt kam, ist wahrscheinlich, aber nicht bestätigt.

          Rosneft-Ölförderturm in Sibirien

          Putin kam nach der Wende und seiner Zeit als KGB-Mitarbeiter in der DDR ebenfalls an der Universität von Leningrad unter, bevor er Anfang der neunziger Jahre in die Stadtverwaltung wechselte, wo Setschin bald zu ihm stieß. Als Putin 1996 in die Kreml-Verwaltung aufrückte, blieb Setschin als Assistent stets einige Schritte hinter ihm. Diese Strategie machte ihn 1999 zum Sekretär des Ministerpräsidenten Putin und später zum stellvertretenden Chef der Administration des Präsidenten Putin.

          Der Strippenzieher

          Mit Öl kam Setschin nie in Berührung - bis 2004, als er zum Verwaltungsratspräsidenten der staatlichen Rosneft ernannt wurde, damals Russlands sechstgrößter Erdölkonzern. Zu dieser Zeit hatte der Kreml bereits den privaten Erdölkonzern Yukos ins Visier genommen und dessen politisch ambitionierten Chef Michail Chodorkowskij verhaften lassen. Aus der Zerschlagung des Unternehmens ging Rosneft dank diverser Winkelzüge als Profiteur hervor, eignete sich Yukos-Teile an und legte so den Grundstein für seine spätere Marktführerschaft in Russland.

          Setschin gilt als Strippenzieher hinter der Abwicklung von Yukos. Er verschränkte die Interessen von Rosneft noch enger mit jenen des Kremls, seit er 2008 auch zum Vizeregierungschef mit Zuständigkeit für Energie ernannt wurde. Von 2006 an war er bereits als Präsident von Rosneftegas, einer Staatsholding, welche die Beteiligungen des Kremls im Energiesektor bündelt, tätig. Rosneftegas hält unter anderem 75 Prozent an Rosneft: Setschin musste sich daher also selbst kontrollieren.

          Über Setschin ist nur Putin und über Putin nur der Himmel

          In Abwandlung eines russischen Sprichworts ließe sich sagen: Über Setschin ist nur Putin und über Putin nur der Himmel. Das musste auch der damalige Präsident Medwedjew lernen, als er 2011 eine Transparenzinitiative lancierte und den stellvertretenden Ministerpräsidenten Setschin zum Rücktritt von seinen Funktionen bei Rosneft und Rosneftegas zwang. Aber als Putin im Frühjahr auf den Präsidentenstuhl zurückkehrte, machte er Setschin wieder zum Präsidenten von Rosneftegas und nun zum Geschäftsführer von Rosneft.

          So kann sich Setschin auf Rosneft konzentrieren, wo er Geschäftssinn beweist. Rosneft gilt nicht als ineffizientes Unternehmen wie Gasprom; die Förderung ist kontinuierlich gewachsen. Setschin hat für „seine Firma“ eine Reihe internationaler Kooperationen eingefädelt. Vielleicht wird BP bald hinzustoßen. Zusammenarbeit soll es nicht nur in Russland geben. Auch an ausländischen Projekten ist Rosneft beteiligt.

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