https://www.faz.net/-gzg-7pv8e

DGB-Mann Stefan Körzell : Nachfolger gesucht

Berlin-Pendler: Auch als Mitglied des DGB-Bundesvorstands bleibt Stefan Körzell seiner hessischen Heimat treu. Bild: Fricke, Helmut

Stefan Körzell etabliert sich gerade in der DGB-Bundesspitze in Berlin. Sein Posten im Bezirk Hessen-Thüringen ist dagegen noch immer vakant. Das Thema ist heikel, die Prozedur kompliziert.

          3 Min.

          Mindestlohn, Leiharbeit, Industriearbeitsplätze, Handwerk, die Wirtschafts- und Finanzpolitik überhaupt. Die Themen, die Stefan Körzell nun als Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu bearbeiten hat, haben auch schon einen Großteil seiner Arbeitszeit als Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen in Anspruch genommen. Doch die Bretter, die Körzell nun als Gewerkschafter in Berlin zu bohren hat, sind eher noch etwas dicker als die in Hessen. Das weiß er.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          So eine komplexe Aufgabe übernehme man nicht einmal eben so und beherrsche alles sofort auf dem Effeff, sagt der Zwei-Meter-Mann aus Wildeck-Bosserode im hessischen Nordosten nach seinen ersten Wochen in Berlin. Die Zuversicht, dass er seinen neuen Job trotzdem erfolgreich erledigen könne, gewinne er nicht zuletzt daraus, dass er Teil eines Teams um den neuen DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann sei, das sehr gut harmoniere und funktioniere. Außer Körzell und Hoffmann gehören Annelie Buntenbach und Elke Hannack zum Geschäftsführenden Vorstand, der im Zuge der DGB-Reform von fünf auf vier Posten geschrumpft ist.

          Seinen Favoriten nennt Körzell lieber nicht

          So richtig einfach geworden sind die Strukturen unter dem Dach des DGB deshalb allerdings nicht. Die acht Einzelgewerkschaften des Verbandes - Verdi, IG Bergbau-Chemie-Energie, IG Bauen-Agrar-Umwelt, IG Metall, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Gewerkschaft der Polizei und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft - sind selbst komplexe, bisweilen auch komplizierte Organisationen. Die Großen sind noch dazu ausgesprochen machtbewusst. Entscheidungen im DGB erfordern schon deshalb nach wie vor einen enormen Abstimmungsaufwand.

          Und gegen den Willen der mächtigen Einzelgewerkschaften läuft ohnehin nichts. Das zeigt sich beispielsweise auch in der Frage, wer auf Körzell folgen soll, der zwölf Jahre an der Spitze des Bezirks Hessen-Thüringen stand. Natürlich hat er selbst Favoriten. Aber Körzell kennt die innere Befindlichkeit von Gewerkschaften viel zu gut, um Namen zu nennen. Er weiß, dass das ein sicherer Weg wäre, um die Chancen des oder der Betreffenden zumindest massiv zu schmälern.

          Erstes Treffen zur Nachfolgersuche ergebnislos

          Wie am Donnerstag zu erfahren war, haben sich die Bezirks- und Landeschefs der acht Einzelgewerkschaften, die jeweils auch Mitglieder des DGB-Bezirksvorstands Hessen-Thüringen sind, am Mittwochabend getroffen, um die Körzell-Nachfolge zwar noch nicht formal, aber de facto zu regeln. Zusammen saßen demnach der Verdi-Landesvorsitzende Jürgen Bothner, IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild, IG-BCE-Bezirkschef Volker Weber, Jochen Nagel von der GEW, Hans-Joachim Rosenbaum von der IG Bau, Andreas Schäfer von der EVG, NGG-Landesbezirksleiter Uwe Hildebrandt und Jörg Bruchmüller, Vorsitzender der GdP in Hessen. Auf einen Namen geeinigt hat man sich bei dem Treffen allerdings noch nicht, wie aus dem Teilnehmerkreis weiter zu erfahren war. Das soll bei einem zweiten Anlauf in den nächsten Wochen gelingen. Dabei könnte man sich theoretisch auch auf eine der genannten Personen einigen.

          Wie attraktiv der Job des DGB-Vorsitzenden Hessen-Thüringen allerdings beispielsweise für den Bezirkschef einer mächtigen Einzelgewerkschaft sein kann, ist eine andere Frage. Eine Einzelgewerkschaft betreibt die Tarifpolitik, und sie beeinflusst unmittelbar die Arbeitssituation in den Unternehmen. Die Erfolge ihrer Arbeit sind nach jeder Tarifrunde für jedermann deutlich erkennbar, mögliche Niederlagen natürlich auch. Der DGB kann aber in der Regel nur im Dialog vor allem mit der Politik wirken, insofern sehr viel weniger direkt und spektakulär. Das muss der oder die Neue an der Spitze des DGB Hessen-Thüringen aushalten können.

          Fest steht wohl, dass Sandro Witt aus Thüringen auch künftig Stellvertretender Bezirksvorsitzender bleibt, also nicht aufrückt. Wie auch immer sich die Spitzen der Einzelgewerkschaften einigen werden, damit ist der Findungsprozess noch lange nicht abgeschlossen. Am 11. Juni wird erst einmal der DGB-Bezirksvorstand einen offiziellen Vorschlag beschließen. Da spielen zwar auch wieder die Spitzen der Einzelgewerkschaften die Hauptrolle, es sind aber auch noch eine Vertreterin der Frauen sowie ein Vertreter der Jugend dabei - und die bisherige Bezirksspitze Körzell und Witt. Von dort geht der Vorschlag zum Bundesvorstand nach Berlin. Mit einem Einspruch gegen einen Namen aus der Bezirksebene ist aber nicht zu rechnen.

          Einen Nachfolger hat Körzell damit allerdings immer noch nicht. Denn nun muss noch eine für den 19. Juli anberaumte außerordentliche Bezirkskonferenz dem so akribisch austarierten Vorschlag folgen. Dann erst ist klar, wer der neue Mann oder die neue Frau an der Spitze des DGB-Bezirks im traditionsreichen Frankfurter Gewerkschaftshaus ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          G 7 in Cornwall : Brexit-Störgeräusche für Johnson

          Eigentlich sollte es beim G-7-Gipfel vor allem um Corona und die Herausforderung durch China und Russland gehen. Doch immer wieder muss sich Gastgeber Boris Johnson auch mit dem Streit mit der EU auseinandersetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.