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Darmstadt 98 : Noch so ein Held

Doppelpacker: Wagner schießt zwei Tore gegen Bremen und genießt mit Kapitän Sulu den ersten Bundesliga-Heimsieg seit 33 Jahren. Bild: dpa

Sandro Wagner ist gewillt, seine Chance auf das späte Glück mit aller Kraft zu nutzen. In Berlin aussortiert, schießt er die „Lilien“ zum Sieg gegen Bremen.

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          Nein, nein, an einen Stammplatz, versicherte Sandro Wagner, denke er nicht. Und fügte, um das zu unterstreichen, noch ein paar freundliche Worte in Richtung seines Teamkollegen Dominik Stroh-Engel hinzu. Der, so Wagner, habe seine Sache in den vergangenen Jahren hier „hervorragend gemacht“ und sei überhaupt „ein toller Spieler, ein toller Charakter, ein toller Mensch“. Weil Wagner aber gerade für einen ziemlich tollen Darmstädter Fußballabend gesorgt hatte und gewiss noch ein wenig unter Adrenalin stand, hielt er die gut gemeinte Pose der Zurückhaltung nur für wenige Sekunden aufrecht.

          Dann lieferte er ein Plädoyer in eigener Sache, wie man es auch nicht so oft zu hören bekommt. „Ich bin kein guter Einwechselspieler, das weiß der Trainer auch. Ich brauche meine Spiele von Anfang an“, sagte Wagner und fügte hinzu, dass er sich auch ausschließlich nach diesen bewerten lasse. Unter dieser Vorgabe steht seit dem Dienstagabend ziemlich Eindrucksvolles auf Wagners persönlichem Wertungsbogen: ein Spiel über 90 Minuten, zwei Tore – und damit summa summarum auch der erste Bundesliga-Heimsieg der „Lilien“ seit dem Januar 1982 (1:0 gegen Bielefeld).

          Vom Ausgestoßenen zum Teamplayer

          Das 2:1 gegen Werder Bremen war natürlich nicht allein Wagners Werk, und er versuchte auch nicht im Ansatz, es als solches zu verkaufen. Die Eindrücke dürften aber allemal stark genug sein, ihn in der Stürmerhierarchie bei Trainer Dirk Schuster fürs Erste an die Spitzenposition vor dem Aufstiegshelden Stroh-Engel klettern zu lassen. Eine kleine Zäsur, die den bravourös in die Saison gestarteten „Lilien“ sogar noch einmal einen kleinen Extra-Kick verleihen könnte – wenn Wagner sich weiter so präsentiert wie gegen Werder, seinen früheren Verein. Ein Teamplayer und Arbeiter, der zugleich ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein mitbringt. Oder vielleicht besser: der auf dem Weg ist, sich das wieder zu erarbeiten.

          Trainer Schuster erinnerte am Dienstag daran, dass der 27 Jahre alte Angreifer noch vor ein paar Wochen eine ganz andere Seite des Profigeschäfts erlebt hatte: die eines Abgeschobenen, ja Ausgestoßenen. „Flugbälle schlagen und aufs leere Tor schießen“ – so sah die Beschäftigungstherapie aus, die sie sich bei Hertha BSC für den Stürmer ausgedacht hatten, den sie nicht mehr zu brauchen glaubten. Mitunter allein, wohlgemerkt, was die Sache in Grenzbereiche der moralischen und vielleicht auch arbeitsrechtlichen Vertretbarkeit brachte. Den Darmstädtern indes konnte es nur recht sein. Für sie passte Wagner „quasi optimal ins Beuteschema“, wie Schuster sagte. Als Spielertyp („großer, wuchtiger Wandstürmer“), mindestens genauso aber als Charakter, der es „allen beweisen möchte“. Beiden Seiten konnte es dann gar nicht schnell genug gehen mit dem Transfer.

          „Ich brauchte Selbstbewusstsein“

          Dass es dann in Darmstadt einen gewissen Anlauf brauchte, war unvermeidlich angesichts des Trainingsrückstands. Fünf Mal wurde Wagner eingewechselt in den ersten fünf Saisonspielen. Mancher Beobachter, der an der Qualifikation Stroh-Engels für die erste Liga zweifelt, hätte Wagner gern schon früher in der Startelf gesehen. Schuster aber wusste offenbar ziemlich genau, wann der Zeitpunkt gekommen war. So, wie er auch damit goldrichtig lag, gegen Werder den spielstarken Jan Rosenthal anstelle von Tobias Kempe im Mittelfeld beginnen zu lassen.

          Die Mannschaft, erzählte Wagner, habe sich unter einen gewissen Druck gesetzt: „Wir wollten unbedingt gewinnen.“ Und so trat sie auch auf – selbst nach dem Tiefschlag des 0:1 durch den ersten Bremer Angriff überhaupt. „Es war wichtig, dass du die Köpfe oben behältst, dass du positiv bleibst und weiterspielst“, sagte Wagner, „das wird belohnt.“ Er selbst packte die Gelegenheit beim Schopfe, als Rosenthal durch beherztes Nachsetzen einen Elfmeter herausholte. Wagner berichtete nur vage von einer Liste, auf der mehrere Schützen gestanden hätten – dass er sich bei Aytac Sulu für dessen Verzicht bedankte, deutete aber darauf hin, dass der Kapitän eigentlich die höheren Rechte genoss. Egal, „ich brauchte Selbstbewusstsein“, sagte Wagner. Und er holte es sich.

          Spätes Glück

          Das 2:1, ein wuchtiger Kopfball nach Vorarbeit von Heller in der 84. Minute, brachte dann das Böllenfalltor zum Beben. Sechs Spiele Bundesliga, nur eine Niederlage – das war für Wagner ein Anlass, das Ende der Akklimatisierungsphase auszurufen. „Jetzt weiß auch der Letzte in der Mannschaft, dass er gut genug für die Bundesliga ist“, sagte er. Und auch wenn er das in diesem Moment gewiss nicht so meinte, galt das ein bisschen auch für ihn selbst. Wagner war für die meisten schon der große Abgehängte aus der goldenen deutschen Generation, die 2009 U-21-Europameister wurde. Ein paar Entwicklungsschritte hat er ja auch verpasst, seit er in der Saison 2007/08 für den FC Bayern in der Bundesliga debütierte, das wird man gewiss auch in Darmstadt an schlechteren Tagen noch beobachten können. Er wirkt aber wie einer, der die unverhoffte Chance auf das späte Glück auch als solche erkannt hat – und gewillt ist, sie unbedingt zu nutzen.

          Genau der richtige Stoff für eine typische „Lilien“-Story, mal wieder.

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