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Bockenheim im Wandel der Zeit : Den eigenen Charakter bewahrt

Die Bockenheimer Warte in den frühen sechziger Jahren Bild: Hugo Staab

Vor 40 Jahren begann die Sanierung Bockenheims. Sie dauerte fast 17 Jahre und verschlang viele Millionen. Doch die Atmosphäre des Stadtteils ist dabei nicht verloren gegangen.

          Bockenheim war schon immer anders. Anders als der Rest von Frankfurt, zu dem die ursprünglich selbständige Stadt seit der Eingemeindung im Jahr 1895 gehört. So gibt es etwa auch heute noch kein einziges Apfelweinlokal in dem Stadtteil. Diese erstaunliche Lücke zu schließen war allerdings nicht das Anliegen des Stadtplanungsamtes, als es im Jahr 1967 eine mit zahlreichen Karten und Zeichnungen versehene Broschüre mit dem Titel „Erneuerung Bockenheim“ herausgab.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Planer wollten auf das rasante Bevölkerungswachstum in Frankfurt und den sich wandelnden Lebensstil der Bewohner reagieren, und das nahe am Stadtzentrum gelegene Bockenheim schien prädestiniert für einen städtebaulichen Perspektivwechsel. Längs der Leipziger Straße, jener so langen wie krummen und engen Lebensader des Stadtteils, die von der Bockenheimer Warte bis fast zum Kirchplatz führt, drängelten sich in fröhlicher städtebaulicher Anarchie Häuschen aus dem 19. Jahrhundert neben imposanteren Gründerzeithäusern neben gesichtslosen Gewerbebauten, die im Krieg entstandene Lücken oder auch nur frühere Hofeinfahrten füllten, derweil in den Hinterhöfen Schuppen und Garagen wahllos das Wimmelbild ergänzten. Zum Ende der Leipziger Straße hin, nicht weit vom ursprünglichen Ortskern Bockenheims, zeigten sich mitunter auch schon jene Spuren des Verfalls, den die Planer fürchteten, könnten hier doch, so ihre These, regelrechte Slums entstehen.

          Diesem Verfall wollten sie mit der Erneuerung Bockenheims begegnen. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend sollten künftig Hoch- und Parkhäuser die Leipziger Straße säumen, die als Fußgängerzone gedacht war. Autos und Bahnen sollten in zwei unterirdischen Röhren verkehren. Zur Umsetzung solcher Pläne kam es allerdings nie. Als die Stadt Ende der sechziger Jahre im Westend, dem Nachbarstadtteil Bockenheims, begann, massiv ins städtebauliche Bild eingreifen zu wollen, regte sich starker Widerstand in der Bevölkerung. Häuser wurden besetzt, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Sowohl die städtische Politik als auch die Stadtplanung zogen ihre Schlüsse aus diesen Erfahrungen: Bei der geplanten Sanierung Bockenheims, die vorrangig dem Gebiet zwischen Sophienstraße und Westbahnhof galt, sollte die betroffene Bevölkerung sich intensiv an dem Prozess beteiligen dürfen, nicht zuletzt deshalb, weil parallel zur Sanierung auch der U-Bahn-Bau im Stadtteil erfolgen sollte.

          Revolte in den Bockenheimer Kneipen

          Nachdem die Stadtverordnetenversammlung 1972 Untersuchungen zum Sanierungsgebiet beschlossen hatte und in den Jahren darauf die Bevölkerung befragt wurde, konnte das Stadtplanungsamt im Jahr 1976 den „STEP Bockenheim“ genannten Stadtteilentwicklungsplan vorlegen, auf dessen Grundlage schließlich im Oktober 1978 von der Stadtverordnetenversammlung die Sanierungsgebiete Bockenheim-Ost und Bockenheim-West festgelegt wurden. Auf 80 Millionen Mark wurden damals die Kosten geschätzt, die aus Fördertöpfen von Bund, Land und Stadt bestritten werden sollten.

          Fast noch dörflich: Der hintere Teil der Leipziger Straße im Jahr 1978 Bilderstrecke

          Insgesamt 655 Gebäude wurden seinerzeit in den beiden Sanierungsgebieten gezählt, von denen nicht weniger als 87 als abbruchreif galten. Darunter waren viele Seiten- und Hintergebäude, doch auch etliche drei- bis viergeschossige Vorderhäuser, wie der Planungsbericht ergab. „So mancher Eigentümer hat nichts mehr für den Erhalt der Häuser getan, seitdem er wusste, dass Bockenheim Sanierungsgebiet wird“, meint Norbert Sassmannshausen. Der 70 Jahre alte Stadtteilhistoriker, der seit 1976 in Bockenheim wohnt, hat die lange, bis zum Jahr 1995 dauernde Sanierungsphase selbst miterlebt und sich im vergangenen Jahr noch einmal sehr intensiv damit beschäftigt.

          Eigentlich gilt der Studentenbewegung in Frankfurt sein großes Interesse, über die er seit mehr als zwanzig Jahren forscht. Bei seinen Recherchen in öffentlichen Archiven musste er feststellen, dass sich kaum bildliche Zeugnisse von den Bockenheimer Kneipen und Straßen finden lassen, die in den Jahren um 1968 bedeutsam für die Revolte waren. Aber es gibt ja Zeitzeugen, dachte sich der Forscher und startete einen Aufruf an die Bockenheimer, ob nicht noch jemand Fotos besitze, die den Stadtteil zu jener Zeit zeigen.

          Ein Stadtteil, der „etwas anders“ ist

          Tatsächlich meldeten sich einige, und Sassmannshausen, der selbst auch fotografiert, verfügte plötzlich über ein Konvolut, das ihm auch den Wandel vor Augen führte, den der Stadtteil durch die Sanierung und den U-Bahn-Bau erfahren hatte. So kam ihm die Idee zu einer kleinen Ausstellung, die die Erneuerung Bockenheims zum Thema haben sollte. Im vergangenen Herbst organisierte er im Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim eine Schau, die Grundlage für das nun veröffentlichte, mit vielen staunenswerten Fotos versehene Buch „Bockenheim. Vor und während der Sanierung 1978-1995“ war (erhältlich in den Bockenheimer Buchhandlungen und im Hessenshop).

          Die Bilder zeigen dem Flaneur von heute teils radikale Eingriffe und völlig veränderte Straßenzüge, und doch lobt Sassmannshausen die Sanierung. Unter Einbeziehung der Bewohner und dank der Flexibilität, die die Planer gezeigt hätten, sei es der Stadt gelungen, den speziellen Charakter Bockenheims zu bewahren, der eben etwas anders ist. Zu diesem Schluss ist übrigens auch die Stadt selbst gekommen, als sie im November 1995 eine positive Bilanz des Großprojekts zog. Dass die Modernisierung mit Kosten von etwa 150 Millionen Mark fast doppelt so teuer wurde wie geplant, fiel da gar nicht mehr ins Gewicht. Schließlich war es eine zukunftsweisende Investition, die auch heute noch als Vorbild für die Entwicklung eines Stadtteils gelten kann.

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