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Europawahl in Frankfurt : Die ungläubigen Wahlgewinner

  • -Aktualisiert am

Verlierer unter sich: Der Frankfurter CDU-Parteivorsitzende Uwe Becker analysiert mit dem ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Hans Joachim Otto die ersten Ergebnisse der Europawahl. Bild: Wohlfahrt, Rainer

In Frankfurt fühlen sich die Sozialdemokraten als die klaren Sieger der Europawahl. Die Grünen sind ebenfalls in guter Stimmung. Die CDU tröstet sich.

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          Kein Frankfurter Kranz in Frankfurt. Genauer: kein Frankfurter Damenkränzchen. Verena David (CDU), Sylvia Kunze (SPD) und Jennifer Bartelt (Die Grünen), die drei Frankfurter Kandidatinnen, werden nicht ins Europaparlament einziehen. Im Wahlkampf haben sich die drei Frauen allen politischen Differenzen zum Trotz ordentlich verstanden, in Brüssel wäre es gewiss nicht anders gewesen.

          Völlig niedergeschlagen sind die gescheiterten Kandidatinnen allerdings am Wahlabend im Presseamt der Stadt dann doch nicht. Im Gegenteil. Sylvia Kunze zeigt sich sogar überglücklich – ob des phänomenal guten Abschneidens der SPD, gerade auch in Frankfurt. Zwar hätte ihre Partei noch etwas mehr zulegen müssen, damit sie persönlich ins Parlament eingezogen wäre. Aber das ist der jungen Mutter, die ihr Baby mitgebracht hat, fast egal. Babysitter ist, so lange Kunze Interviews gibt und abgelichtet wird, der SPD-Vorsitzende Mike Josef. Es hat sich einiges geändert – auch bei den Sozialdemokraten.

          Wirklicher Verlierer ist Wolf Klinz

          Jennifer Bartelt ist ebenfalls guter Stimmung. Trotz der deutlichen Verluste der Grünen. Zweistellig im Bund, das sei ein Erfolg, sagt sie. Ihre Partei habe sich aus dem Tief nach der Bundestagswahl herausgearbeitet. Für sich nimmt sie in Anspruch, dass sie viele vor allem junge Leute im Wahlkampf für Europa begeistert habe: „Das hat Spaß gemacht.“ Ein wenig traurig steht dagegen Verena David neben dem Frankfurter CDU-Vorsitzenden Uwe Becker. So ganz kann sie nicht begreifen, dass ihre Partei in Frankfurt nur Zweiter geworden ist. Sie selbst hatte mit Platz 5 auf der Hessenliste der CDU keine realistische Chance auf ein Mandat in Brüssel. Doch sie ist – wie Bartelt und Kunze – noch jung. Und vielleicht bilden die drei Frauen ja schon bei der nächsten Europawahl 2019 in Brüssel ein Frankfurter Kränzchen.

          Wirklich verloren hat Wolf Klinz: nämlich sein Abgeordnetenmandat. Selbst der fünfte Platz auf der FDP-Liste hat dem Frankfurter Kandidaten wegen des Absturzes der Liberalen nichts genützt. Er habe gewusst, dass die Wahl für die deutschen Liberalen ein „Ritt auf der Rasierklinge“ werde, sagt er. Dass sie vom Wähler eine derartige Abfuhr bekommen, enttäuscht ihn sehr. Die FDP hätte Besseres verdient, findet er.

          Europawahl sei für viele Protestwahl

          Ausdauernd starren CDU-Chef Becker und sein Parteifreund und Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler auf die Frankfurter Ergebnisse. Noch sind nicht alle Wahllokale ausgezählt, nicht alle Voten der Briefwähler verarbeitet. Noch haben die beiden Kommunalpolitiker die Hoffnung, dass die CDU die in Führung liegende SPD einholen kann. „Wir robben uns ran“, sagt Siegler. Doch am Ende reicht es nicht. Eine Europawahl sei eben anders, tröstet sich Becker. Sie sei für viele eine Protestwahl. So erklärt der CDU-Chef auch den relativen Erfolg der AfD, der Alternative für Deutschland. Diese neue Partei habe nur ein Thema gehabt, meint Becker: den Protest gegen Europa. Ansonsten habe sie keine Themen und werde deshalb bei Bundes- oder Kommunalwahlen schlecht abschneiden.

          Zufrieden ist dagegen Dominike Pauli, die Fraktionsvorsitzende der Linken im Römer. Ihre Partei habe sich in Frankfurt stabilisiert, findet sie. Die Linken seien bei dieser Wahl nicht als Europa-Gegner wahrgenommen worden, sondern als kritische Europa-Befürworter.

          Der glücklichste Mann der kleinen Wahlparty im Presseamt ist aber ohne Zweifel SPD-Chef Mike Josef. Nicht wegen des Babys in seinen Armen, sondern wegen des überraschend guten Abschneidens der Frankfurter Sozialdemokraten. Mit Ungläubigkeit hatte er zu Beginn des Abends auf die Äußerung von SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling reagiert, die SPD könne stärkste Kraft in Frankfurt werden. Und auch jetzt noch steht Josef vor dem Großmonitor, den die Wahlleitung im Presseamt aufgebaut hat und ruft: „Das glaube ich einfach nicht.“ Von 18,6 Prozent vor fünf Jahren auf fast 27 Prozent, das sei sensationell. Später, als er sich gefasst hat, analysiert Josef: Die SPD habe in den vergangenen Jahren die Trendwende geschafft. „Wir treffen wieder das Frankfurter Lebensgefühl.“ Genosse Oesterling wiederum hat einen guten Rat für die Frankfurter Verlierer: Sie sollten in ihrer Regierungskoalition ihren selbstgefälligen Weg überdenken.

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