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Unterwegs als Flugkurier : Ruhestand über den Wolken

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Abflugbereit: Kurt Linnert bringt regelmäßig große und kleine Waren besonders schnell zu wartenden Kunden in aller Welt. Bild: Daniel Vogl

Eigentlich war Kurt Linnert schon Rentner. Dann hörte er vom Job des Flugkuriers. Unterwegs mit einem Mann, dessen Aufgabe es ist, um die Welt zu fliegen.

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          Kurt Linnert blickt hoch zur großen Anzeigetafel in der Abflughalle des Flughafens. Die weißen Lettern blättern um, ganz unten rechts steht nun Flug LH404 nach New York, JFK, Abflug 17.30 Uhr. „Noch fast zwei Stunden Zeit“, sagt Linnert. Routiniert greift er nach dem Paket zu seiner Linken, schnappt sich Koffer und Reisepass und steuert auf den Schalter der Lufthansa zu.

          Dort kennt man den 66 Jahre alten Kelsterbacher schon: Seine Kleidung beim Fliegen – die braunen Schuhe und die schwarze Jacke mit Aufdruck des Arbeitgebers – ist zu einem unauffälligen Markenzeichen geworden. Das gilt nicht nur in Frankfurt, sondern auch an den Flughäfen von Chicago und in Toronto. Kurt Linnert, Halbglatze, freundliches Lächeln, leichte Sommerbräune, ist Flugkurier. Seit knapp zwei Jahren fliegt er für die Kelsterbacher Firma „Samedaylogistics“ in alle Welt und bringt Dinge zu Kunden, denen der herkömmliche Versand zu lange dauert. Linnert liefert, wenn es um Stunden geht.

          Rund drei Stunden bevor Flug LH404 abhebt, betritt Linnert die Geschäftsräume von „SDL“ im Ortskern von Kelsterbach im Kreis Groß-Gerau. Dorthin hat er es nicht weit, der frühere Sparkassenbetriebswirt, der eigentlich längst in Rente ist, wohnt quasi um die Ecke. „Die Ware ist gleich da, Kurt“, ruft ihm Aileen Horst zu. Am Abend zuvor, also fast 24 Stunden vor dem Abflug, hat die Teamleiterin den Kurier über den Flug nach New York informiert. So viel Zeit haben die etwa 100 Flugkuriere des Unternehmens selten. „Im Extremfall kommt der Auftrag rein, und zwei, drei Stunden später sitze ich im Flieger“, erzählt Linnert. Er arbeitet in Bereitschaft, im Schichtplan trägt er sich jeweils auf Abruf ein. Maximal eine Lieferung in der Woche übernimmt er. „Das ist das Agreement mit meiner Frau“, sagt er mit stark rollendem r.

          Filialleiter einer Sparkasse und Kommunalpolitiker

          Linnert, Jahrgang 1952, ist im südhessischen Allmendfeld bei Gernsheim geboren, mehr als 40 Jahre arbeitete er bei der Kreissparkasse Groß-Gerau, unter anderem als Filialleiter in Kelsterbach. 2009 wechselte er in die Kommunalpolitik, als Erster Stadtrat von Kelsterbach war der Sozialdemokrat zuständig für Finanzen, Schulen, Sport und Kultur. Mit 63 verabschiedete er sich in den Ruhestand. Doch schon kurz darauf erzählte ihm ein alter Bekannter, „der Holger“, von den Aufgaben eines Flugkuriers. Der Bekannte war Holger Zulauf, der Geschäftsführer von SDL. Linnerts Interesse war geweckt.

          „Mein ganzes Berufsleben hatte ich mit Menschen zu tun, und das Reisen ist eine meiner Leidenschaften“, sagt Linnert. In seiner Zeit bei der Sparkasse hat er von Ende der siebziger Jahre an Reisen für Geschäftskunden organisiert – schon damals war er ein Vielflieger. Nach Sizilien und Schottland ging es, aber auch nach Bangkok und Hongkong führte Linnert die Kleingruppen. Mittlerweile fliegt er vor allem Langstrecken, am häufigsten in die Vereinigten Staaten und nach Kanada. „In Chicago war ich schon mindestens zehnmal, oft geht es aber auch nach Asien: China, Korea, Japan oder die Philippinen.“

          Voller Stempel: Wegen seiner vielen Reisen braucht Linnert bald einen neuen Pass.

          Warenauslieferung in kürzester Zeit

          Immer dabei: die Ware. Meistens sind es Ersatzteile für Maschinen, hin und wieder auch Medikamente oder Dokumente. Als Spontanurlaub mit einem Hauch Abenteuer dürfe man sich den Job als Flugkurier aber nicht vorstellen. „Viel Zeit, sich die Städte anzuschauen, bleibt ja ohnehin nicht.“ Oft hat Linnert Anschlussflüge von den großen Airports, denn die meisten Fabriken liegen weit außerhalb der Städte, auf dem Land. „Allerdings kann ich den Aufenthalt nach der Lieferung verlängern und erst ein paar Tage später zurückfliegen. Auf eigene Kosten, versteht sich.“

          Vor kurzem hat er sich Zusatzurlaub in Mexiko gegönnt. Kurz vor Weihnachten noch etwas Sonne getankt, bevor es ins kalte Deutschland zurückging. „Mexiko ist ein phantastisches Land, dort könnte ich jede Woche hinfliegen“, sagt Linnert und lacht sein ansteckendes Lachen. Ein Vollzeitjob auf Dauer sei Flugkurier aber nicht. „Wenn es stressig wird, schlaucht das schon. Auf Dauer würde man daran kaputtgehen.“

          Mit der Erfahrung kommt die Routine

          Gegen 15 Uhr trifft die Lieferung für New York in Kelsterbach ein. Es ist lediglich ein Päckchen mit Ersatzteilen, zirka vier Kilogramm schwer, Warenwert: etwa 40 Euro. „Der Kunde kalkuliert aber anders. Ohne die jeweiligen Ersatzteile steht eben die Maschine still, und Zeit ist Geld.“ Wie viel er als Flugkurier je Auftrag verdient, möchte Linnert nicht offenlegen. Er verrät nur so viel: Lieferungen nach Übersee sind deutlich besser vergütet als Kurzstreckenflüge.

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