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Iran : Teil einer Jugendbewegung sein

Die Lichter über Teheran glitzern wie ein Versprechen für die Zukunft: Ein junges Pärchen sitzt auf einer Bank in Bam-e Teheran, hoch über der Stadt Bild: Polaris /Studio X

Jahrelang war es schwierig, überhaupt nach Iran zu reisen, nun boomt der Tourismus. Das Land bietet überraschende Perspektiven

          6 Min.

          Der Kunst wegen sind sie nach Isfahan gekommen. Die blauen Moscheen wollten sie bewundern, die filigranen Brücken, die Paläste mit den Wandfresken, auf denen die Frauen keine Kopftücher tragen und Weinkaraffen jedes Festessen begleiten. Sie hofften sich hineinzuträumen in die Zeit um 1600, als der große Schah Abbas hier seine Residenz baute, eine der gewaltigsten im Erdkreis. Pracht aus vergangenen Tagen, dachten sie. Ihr Bild der iranischen Gegenwart war schwarzweiß.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und nun steht das französische Ehepaar, Typ rüstige Rentner, tatsächlich auf dem wunderbaren Platz, mehrfach größer als die Piazzetta von Venedig und mindestens genauso schön. Aber das ist für sie nicht die Überraschung. Fasziniert sind sie von der iranischen Gegenwart, vor allem von den Frauen. Wie selbstbewusst sie auftreten, das Kopftuch weit hinten, das vorgeschriebene lange Oberteil eng anliegend, das Make-up dick aufgetragen. Ganz anders als erwartet - „n’est-ce pas“, nicht wahr?

          Der ganze Platz ist voller ausländischer Touristen. Iran als Reiseziel hat Konjunktur, seit das Land den internationalen Streit um sein Atomprogramm beendete und die langjährigen Wirtschaftssanktionen des Westens nun Geschichte sind. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der Besucher vervierfacht, Tendenz weiter steigend. Die angestaute Nachfrage nach den Jahren der Isolation unter dem Präsidenten Ahmadineschad bricht sich Bahn, die Neugier auf eines der wenigen unentdeckten Reiseländer, das noch dazu sehr sicher ist - auch wenn sich dahinter die Sicherheit einer Diktatur verbirgt.

          Ältere Bildungsreisende und junge Rucksacktouristen

          Die Regierung fürchtet den Zustrom der Besucher nicht, sie fördert ihn. Präsident Hassan Rohani muss nun beweisen, dass sich der Atomkompromiss auszahlt, dass die iranische Wirtschaft in Schwung kommt und vor allem junge Leute neue Jobs finden. In der Reisebranche geht das relativ einfach, schneller jedenfalls, als neue Fabriken hochzuziehen.

          Also empfängt Rohanis Stellvertreter Masoud Soltanifar, zuständig für Kulturerbe und Tourismus, bereitwillig Journalisten. Der Minister schimpft noch mal über die „illegal auferlegten Sanktionen“, die jetzt Vergangenheit sind, und blättert dann seine Visionen für die Zukunft auf. Von fünf auf zwanzig Millionen soll die Zahl der jährlichen Besucher in den kommenden zehn Jahren wachsen. Das sind gewaltige Zahlen, auch wenn sie ein wenig in die Irre führen. Die meisten dieser Gäste kommen aus den Nachbarländern, entweder als Reisende zu den Pilgerstätten oder als Patienten, die sich von gut ausgebildeten Ärzten in preisgünstigen Kliniken behandeln lassen. Der klassische Kulturtourismus folgt erst auf dem dritten Platz.

          Die Hälfte der Bevölkerung Irans ist unter dreißig Jahre alt.

          Es sind vor allem ältere Bildungsreisende und junge Rucksacktouristen, die jetzt ins Land kommen. Bald wird es ein bequemes Online-Visum geben, auch das Bezahlen mit Kreditkarte soll nach dem Ende der Finanzsanktionen wieder möglich sein, damit Besucher nicht mehr mit dicken Geldbündeln anreisen müssen. Gestresste Berufstätige aus der Lebensmitte werden trotzdem nicht so schnell für einen Erholungsurlaub vorbeischauen. Mit dem gemeinsamen Gläschen Wein am Pool, wenn die Kinder schlafen, wird es schwierig: Bei Kopftuchzwang, Alkoholverbot und Geschlechtertrennung in den Badeanstalten wird es noch eine Weile so bleiben. Und auch dabei, dass die Schwimmbecken in den Hotels aus der Schah-Zeit nur noch als Zierteiche dienen. Ausländische Gäste müssten die Regeln akzeptieren, sagt der Vizepräsident. Um dann völlig überraschend hinzuzufügen: „Aber wir werden sehen, was die Zukunft bringt.“

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