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Tauchen in Ägypten : Am Wrack der guten Hoffnung

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Friedliche Übernahme am Golf von Suez: Korallen und Fische haben das Schiff erobert, das 1941 sank. Bild: Sven Peks

Die Rettung des geschüttelten ägyptischen Tourismus ist das Wrack der „Turkia“ im Roten Meer wohl nicht. Aber ein noch ungehobener Tauchschatz.

          3 Min.

          Wellen plätschern gegen die Bordwand, das Meer liegt ruhig da, als wäre es mit Öl überzogen. Direkt unter dem Tauchsafarischiff, in maximal 24 Metern Tiefe, liegt die „SS Turkia“, das Wrack eines britischen Versorgungsfrachters aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Taucher sind bereit, ein letzter Blick noch, vor dem Sprung ins Blau. Die Küste ist nicht weit entfernt, man sieht die Häuser eines kleinen Orts, den Leuchtturm von Zafarana. Ansonsten gibt es nicht viel in dieser entlegenen Region Ägyptens; keine Hotels, keine Tauchbasen, keine bedeutenden Kulturdenkmäler. Die Einheimischen leben vom Fischfang und den wenigen Jobs, die sie auf den Bohrinseln im Golf von Suez bekommen, einem nordwestlichen Ausläufer des Roten Meeres.

          Noch kurz die Ausrüstung überprüfen, dann der große Schritt nach vorne. Schon beim Abstieg erkennen die Taucher die Konturen des Wracks, trotz der mäßigen Sicht, die hier höchstens 15 Meter weit reicht. Die „Turkia“, die bei ihrem Stapellauf 1909 im englischen Hull noch „Livorno“ hieß, steht aufrecht wie ein stählernes Monument auf ihrem Kiel. Sie ist eine Arche Noah des Lebens, eingebettet in die Wüste aus Wasser und Sand. Abertausende junger Barrakudas ziehen über die gut 91 Meter lange und knapp 13 Meter breite Schiffsruine hinweg, ergießen sich in die offenen Laderäume und teilen sich vor den Aufbauten, um sich dahinter wieder zu einer Wolke zu verdichten. Das Wrack verschwindet stellenweise hinter so viel Fisch, und es wird einem schwindlig inmitten dieser Masse aus silbern glänzenden Leibern.

          Stahlkoloss im Korallenkokon

          Seit Mai 1941 liegt die „Turkia“ hier. In einem ihrer Laderäume war ein Feuer ausgebrochen, Teile der Munition explodierten. Das 1671 Tonnen schwere Dampfschiff war auf der Fahrt von New York nach Piräus, randvoll beladen mit Reifen, Kabeln und Munition, gedacht für die griechischen Truppen im Kampf gegen die deutschen Soldaten auf deren Balkanfeldzug.

          Viele der Stahlteile sind mittlerweile in einen Kokon aus Korallen gehüllt, und erst im Schein der Taucherlampen zeigen sie ihre ganze Pracht. Es ist eine einzigartige Farbexplosion unter Wasser, in Rot, Gelb und Purpur. Die Natur hat aus dem Schiff in mehr als sieben Jahrzehnten ein künstliches Riff geformt, aus dessen Reling jetzt fein verästelte Gorgonien wachsen und Weichkorallen wie überreife Weintrauben herabhängen.

          Plötzlich verdunkelt sich das Wrack. Der Blick geht nach oben und endet an einer Wand von Streifenfüsilieren. Pulsierend wie ein einziger Organismus ziehen sie nach links und rechts, nach oben und unten. Sind es zehntausend Fische, zwanzigtausend? Ab und zu stoßen jagende Makrelen durch den Schwarm, rasenden Torpedos gleich, während auf dem Schiffsdeck Rotfeuerfische auf Beute lauern. Ob Muränen, Anemonenfische oder Torpedorochen: Jeder Meter, den die Taucher unter Wasser zurücklegen, bringt auf der „Turkia“ neue Entdeckungen.

          Ein fast unberührter Schatz

          Im Bereich der Aufbauten findet man neben farbenfrohen Nacktschnecken auch Ausrüstungsgegenstände, die von der Besatzung stammen. Weinflaschen. Stiefel. Eine Rettungsweste mit dem Namen des Schiffes. Wer noch genauer hinschaut, stößt auf im Sediment verborgenes Geschirr, Besteck und Marmeladengläser - ein sicheres Indiz dafür, dass die „Turkia“ bislang vor größeren Plünderungen geschützt war. Ebenso der Maschinenraum des Schiffs: Er gleicht einem Unterwassermuseum über die Zeiten der industriellen Revolution. Obwohl die Position der „Turkia“ seit mehreren Jahren bekannt ist, gab es bislang nur wenige kommerzielle Touren zum Wrack. Alleine die vierzehnstündige Anfahrt über See kann mühselig werden. Sie führt von der Touristenregion Hurghada nach Norden und gegen die meist aus dieser Richtung heranrollenden Wellen. Bei schlechtem Wetter ist es ein einziges Stampfen und Kämpfen des Boots, immer mit Blick auf den in dichtem Abstand vorbeiführenden Schiffsverkehr. Dafür werden die Taucher vor Ort mit Tauchgängen belohnt, wie es sie weltweit in wärmeren Gewässern nur noch selten gibt. Die große Zeit der spektakulären Wrackentdeckungen ist vorbei, und die bekannten Schiffsruinen sind oftmals zu bedeutenden Wirtschaftsfaktoren geworden - gerade in Ägypten.

          Geliebt und gefährdet

          In dem krisengeschüttelten Land, dem die Bade- und Kulturtouristen in immer größerer Zahl verlorengehen, gehören die Taucher noch zu den treuen Urlaubern. Nicht wenige Einheimische erhoffen sich deshalb von der „Turkia“ einen ähnlichen Boom, wie ihn das Wrack der nahe dem Sinai liegende „Thistlegorm“ bei seiner Wiederentdeckung 1991 auslöste. Bis zu 96000 Tauchgänge jährlich wurden dort absolviert. Sie brachten Geld und Arbeit - und haben aus diesem Wrack ein blankgeputztes Gerippe gemacht, das kaum noch Bewuchs aufweist und von dessen Ladung geraubt wurde, was es zu rauben gab.

          Dass die „Turkia“ dasselbe Schicksal ereilen wird, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Denn sie liegt weiter weg. Anders als die „Thistlegorm“ ist sie nur auf einer mehrtägigen Tauchsafari zu erreichen. Wäre das nicht so, die „Turkia“ würde wohl enden wie der viel bekanntere Frachter am Sinai: Skelettiert von Tauchermassen, die vernichten, was sie einst liebten.

          Der Weg zur „Turkia

          Für Reisen nach Ägypten hat das Auswärtige Amt derzeit eine Teilreisewarnung ausgegeben; auch in den Touristengebieten am Roten Meer wird zu besonderer Vorsicht geraten.

          Anreise Hurghada wird von vielen deutschen Flughäfen aus (zum Beispiel von Condor oder Air Berlin) in gut vier Stunden direkt angeflogen.

          Tauchsafaris setzen mindestens 30 Tauchgänge Erfahrung voraus. Das Tauchen an der „Turkia“ ist jedoch verhältnismäßig einfach. Seawolf Safari bietet (neben anderen Veranstaltern) Touren zum Wrack an (www.seawolf-safari.com), die einwöchige Wracktour kostet 750 Euro, zuzüglich Flug.

          Diese Reise wurde von Seawolf Safari unterstützt.

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