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Coronavirus in China : 44 Prozent mehr Infizierte – an einem Tag

Nur mit Schutzmaske: Ein Mitarbeiter eines Essens-Lieferdienstes ruht sich in Peking auf seinem Roller aus. Bild: EPA

Im Epizentum der Epidemie ist die offizielle Zahl der Neuinfektionen sprunghaft gestiegen. Das zeigt vor allem eins: Die Statistik war schon lange fragwürdig. Auch die politische Krisenbewältigung schreitet voran: Der Parteichef von Hubei wurde geschasst.

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          Die offizielle Zahl der Coronavirus-Infizierten in der chinesischen Krisenprovinz Hubei ist innerhalb von nur einem Tag um mehr als 44 Prozent gestiegen. Die lokale Gesundheitsbehörde begründete das am Donnerstag mit einer neuen Zählweise. Gezählt würden nicht mehr nur solche Patienten, bei denen mithilfe des COVID-19-Standardtestverfahrens Nukleinsäure des Virus nachgewiesen werde. Als infiziert gelten nun schon Personen, bei denen per Computertomographie Symptome einer Lungenentzündung festgestellt werden. Dass die Zahlen nun erheblich nach oben korrigiert wurden, zeigt aber vor allem, dass sie von Anfang an zweifelhaft waren. Die Krankenhäuser in der Provinz Hubei und deren Hauptstadt Wuhan verfügen schlicht nicht über die nötigen Testkapazitäten, um alle Verdachtsfälle zuverlässig zu diagnostizieren.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Schon seit längerem weisen internationale Fachleute darauf hin, dass die wirkliche Zahl der Infizierten deutlich höher sein dürfte. Der Brite Neil Ferguson vom Zentrum für die Analyse Globaler Infektionskrankheiten am Imperial College in London geht zum Beispiel davon aus, dass es in China derzeit täglich rund 50.000 Neuinfektionen gebe – also noch deutlich mehr als die 14.840 Neuerkrankungen, die am Donnerstag für die Provinz Hubei gemeldet wurden.

          Die lokale Gesundheitsbehörde gab bekannt, dass 13.332 der neuen Fälle aufgrund einer Computertomographie hinzugezählt würden. Diese Fälle werden offiziell als „klinisch diagnostiziert“ bezeichnet. Ob es sich um diagnostizierte Fälle eines Tages handelt oder um alle Fälle seit Hinzunahme der neuen Kategorie vor einer Woche, blieb zunächst unklar.

          Ein Supermarktkunde versucht sich in Wuhan mit einem Plastiksack vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen

          Die Änderung der Zählweise dürfte es internationalen Fachleuten noch schwerer machen, den Verlauf der Epidemie zu bewerten. Für die Patienten vor Ort könnten damit aber entscheidende Erleichterungen verbunden sein. Denn in Wuhan galt bisher die Regel, dass nur Patienten, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, die Kosten für die Behandlung erstattet bekommen beziehungsweise nicht zurückzahlen müssen. Es gab aber unzählige Berichte über Fälle, in denen Ärzte aufgrund des Lungenbilds eine COVID-19-Infektion vermutet hatten, die sie aber aufgrund mangelnder Testkapazitäten nicht schriftlich bestätigen konnten. Zudem gab es Zweifel an der Verlässlichkeit des Nukleinsäure-Tests, weil immer wieder Patienten zunächst negativ und später positiv getestet wurden.

          Die einmalige drastische Erhöhung der Fälle konterkariert zumindest kurzfristig die Bemühungen der chinesischen Regierung, Optimismus zu verbreiten. In den vergangenen Tagen hatte sie immer wieder hervorgehoben, dass die Kurve der Neuinfektionen abflache. Dies war als Beleg dafür ausgegeben worden, dass die Maßnahmen des Staates zur Prävention und Eindämmung der Epidemie erfolgreich seien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte sich allerdings am Mittwoch sehr viel vorsichtiger über die bis dahin kontinuierliche Verringerung der Neuinfektionen geäußert. „Das muss man mit extremer Vorsicht interpretieren“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Und sein Nothilfedirektor Mike Ryan fügte hinzu, es sei „viel zu früh, den Beginn, die Mitte oder das Ende dieser Epidemie vorauszusagen“.

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