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Schulprojekt in Südafrika : Auf den Spuren von Nelson Mandela

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„Bildung ist Freiheit“ - unter diesem Motto hat Siemens eine Schule im Geburtsort Mandelas gegründet. Jetzt bereitet sich der erste Absolventenjahrgang auf die Abschlussprüfung vor.

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          Lorna Noralele hat ihre Zukunft bis ins kleinste Detail geplant: erst ein Jurastudium, dann als Anwältin arbeiten, nebenbei möchte sie einen Winzerbetrieb und ein Waisenhaus für behinderte Kinder aufbauen, später in die Vereinigten Staaten auswandern und schließlich eine Familie gründen. „Mindestens sechs Kinder“, fügt sie selbstbewusst hinzu: „Ich weiß genau, was ich will.“

          Claudia Bröll

          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.

          Die 17 Jahre alte Südafrikanerin gehört zum ersten Jahrgang der Nelson Mandela School of Science and Technology, der in diesem Jahr das Abschlussexamen schreibt. Der Erfolg der Schule wird auch im weit entfernten Deutschland für Aufmerksamkeit sorgen, denn sie wurde von Siemens gegründet, mit dem Ziel, der jungen schwarzen Generation in Südafrika zu helfen. Jugendliche wie Lorna werden auch „Born Free“ genannt, die erste schwarze Generation, die nach dem Ende des Apartheid-Regimes geboren wurde. Ihre Eltern mussten sich noch mit einer Minimalausbildung begnügen - nur so viel, wie die weißen Machthaber für ausreichend hielten. Somit sind die meisten Schüler die ersten in ihren Familien, die das Rüstzeug zur Universität erlangen.

          Die Schülerzahl stieg schnell - auf heute 700

          Nelson Mandela war bekannt dafür, ausländische Wirtschaftsvertreter mit seinem unnachahmlichen Charme zu umgarnen. So hatte er 2010 dem damaligen Siemens-Chef Peter Löscher von seinem Traum erzählt: eine weiterführende Schule in seinem Heimatdorf Mvezo. Löscher war für die Idee sofort zu haben. 2014 öffnete die Schule ihre Pforten - einige Monate nach Mandelas Tod - und registrierte seitdem enormen Andrang. Schnell stieg die Schülerzahl auf heute 700.

          An den ersten Absolventenjahrgang sind die Erwartungen nun hoch gesteckt. Unlängst reiste Siemens-Personalchefin Janina Kugel zu einer Stippvisite an, gab der Abschlussklasse einen Motivationsschub. Man dürfe aber auch keine Wunder erwarten, sagt Siemens-Sprecher Oliver Santen. Der Konzern habe sich bewusst nicht für eine private Eliteschmiede, sondern für eine staatliche Bildungs-Institution in einem unerschlossenen Landstrich entschieden. „Es ging darum, die Erwartungen und Bedürfnisse der Gemeinde und umliegenden Dörfer zu berücksichtigen“. So habe man es Mandela und seiner Familie versprochen.

          Tiefgrüne Hügel, so weit das Auge reicht

          Die Nelson-Mandela-Schule, zu deren Besuch Siemens eingeladen hat, liegt in einer Bilderbuchlandschaft: Tiefgrüne Hügel, so weit das Auge reicht. Kaum ein Besucher dürfte in dieser Einöde eine moderne Schule erwarten, wie sie auch in Deutschland stehen könnte - abgesehen von der Bronzestatue eines afrikanischen Häuptlings am Eingang. Das sei der Vater Mandelas, erklärt Sithembiso Makuni auf dem Pausenhof. Er sei sehr stolz, auf diese Schule gehen zu dürfen. „Es ist ein Privileg. Hier ist alles neu und funktioniert, die Computer, die Bibliothek, die Physik- und Chemielabors, von so etwas konnten wir früher nur träumen“.

          Die Schule ist eine staatliche Einrichtung, untersteht dem Bildungsministerium. Siemens investierte in Form eines Public-Private-Partnership-Projekts 10 Millionen Euro in den Bau und den Betrieb in den ersten drei Jahren. Den besten Absolventen hat der Konzern Stipendien in Aussicht gestellt. Der Unterricht folgt dem südafrikanischen Lehrplan, doch die Münchner führten ein weithin erprobtes Lernprinzip ihrer Stiftung ein, das „Experimento-Programm“. Dahinter steckt die Idee, schon den Schülern durch eigenes Forschen Wissenschaft und Technik nahe zubringen. Aus Sicht von Sitembiso hat das bei ihm gut funktioniert. „Ich will Chemie- oder Biomedizintechnik studieren“. Auch er hat noch viele weitere Träume: ein Oldtimer-Handel, vielleicht sogar ein Museum mit alten Fahrzeugen.

          „Als ein Rektor gesucht wurde, konnte ich nicht ablehnen“

          Der Leiter der Schule heißt Pat Toni. Der Südafrikaner ist 62 Jahre alt und wollte sich nach Jahren im Schuldienst in den Ruhestand verabschieden, erzählt er. „Doch als ich hörte, dass hier für eine neue Schule ein Rektor gesucht wird, konnte ich nicht ablehnen.“ Leicht sei die Aufgabe nicht, gibt er zu. Wenige Schüler sprechen Englisch als erste Muttersprache. Erst seit kurzem gibt es ganz in der Nähe eine gut ausgestattete Grundschule, die dem Siemens-Projekt verblüffend ähnlich sieht. Chinesische Investoren hatten sie nach der Eröffnung der Nelson-Mandela-Schule binnen Kürze aufgebaut.

          Wie bei jeder anderen staatlichen Schule müsse man auch hier erbittert darum kämpfen, genügend Lehrer und Lehrmaterial zu erhalten, sagt Toni weiter. Auch Lehrerunterkünfte seien dringend erforderlich und ein Internat. Viele Schüler reisen von weit her an, weil es im Umkreis von 80 Kilometern keine andere weiterführende Schule gibt. „Sie sind noch fast Kinder und müssen sich selbst ein Zimmer nahe der Schule besorgen, sich um den eigenen Lebensunterhalt kümmern, weit entfernt von ihren Familien“, sagt er kopfschüttelnd, „unsere Schüler müssen sehr schnell erwachsen werden“.

          Ohne Stipendium funktioniert es oft nicht

          Die Lebenssituation der jungen Lorna ist vergleichbar mit vielen anderen in der Gegend: Ihre Mutter beziehe Sozialhilfe, der Vater sei nicht präsent, sagt sie. Die Gebühren für ein Studium könne sie nie selbst bezahlen. „Ohne ein Stipendium wird es nicht funktionieren.“ Das sei gerade für Jura nicht einfach zu bekommen, aber eine echte „Born Free“ lässt sich von so etwas nicht bremsen.

          Zur Wohltätigkeit verdammt Unternehmen in Südafrika sind zu wohltätigem Engagement faktisch verpflichtet. Doch Konzerne wie Siemens haben auch selbst ein Interesse, in die Bildung zu investieren: der Mangel an qualifizierten, schwarzen Mitarbeitern wird als eines der größten Geschäftshindernisse im Land genannt. Schwarze Nachwuchskräfte sind in der Industrie so begehrt, dass sie sich „Job-Hopping“ von einem Job zum nächsten, besser entlohnten erlauben können. Eigentlich müssten sich die Nachkommen der einst unterdrückten Bürger als Gewinner-Generation fühlen. Denn mittlerweile schreiben Gesetze vor, schwarze Mitarbeiter auf allen Hierarchieebenen einzustellen, um das Unrecht während der Apartheid-Zeit wiedergutzumachen. Ein ausgeklügeltes System wurde geschaffen - aus Anreizen und Quotenregelungen durch alle Branchen und Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig sind die meisten schwarzen Jugendlichen aber auf staatliche Schulen angewiesen. Dort sind die Schwierigkeiten so enorm, dass Südafrika in Bildungs-Ranglisten auf den hinteren Plätzen landet. Teils liegt es an den Nachwirkungen der Apartheid-Zeit und den Härten der Armut, aber auch am behördlichen Missmanagement und an kriminellen Banden. Vielerorts schaffen es die Behörden nicht, ausreichend Bücher zu beschaffen. Immer wieder kommt es zu Lehrerstreiks. Raubüberfälle auf Schulen sind zudem keine Seltenheit, wobei buchstäblich alles verschwindet, sogar die Kupferkabel aus den Wänden. Die Privatwirtschaft versucht seit Jahren, selbst etwas gegen den Bildungsnotstand zu unternehmen. Beispielsweise investieren BMW und Mercedes-Benz in Südafrika in Trainingscenter. Zudem vergeben Supermarktketten, Minenkonzerne und Banken Stipendien an Universitäten. Die südafrikanische Bank Investec fördert etwa nicht nur angehende Banker, sondern auch Mathematiklehrer und stellt ihnen Mentoren aus den besten Privatschulen des Landes zur Seite. Über Nichtregierungsorganisationen helfen Führungskräfte auch selbst mit, zum Beispiel bei Managementproblemen der Schulleitung. Als etwa die Lehrer vor zwei Jahren streikten, übernahmen die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young den Unterricht.

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