Zugunglück in Spanien :
Suche nach Opfern dauert an – Ausschreitungen in Madrid

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Viele Menschen suchten in der Nacht nach dem Zugunglück in Spanien noch nach vermissten Familienangehörigen.
Viele Menschen suchten in der Nacht nach dem Zugunglück in Spanien noch nach vermissten Familienangehörigen.dpa

Nach dem schweren Bahnunglück in der Provinz Toledo geht die Suche nach weiteren Opfern in der Nacht weiter. In der spanischen Hauptstadt kommt es zu Protesten rechtsextremer Gruppen.

Nach der zweiten schweren Bahnkatastrophe in Spanien mit Dutzenden Toten innerhalb von nur neun Monaten ist die Suche nach möglichen weiteren Opfern in der Nacht weitergegangen. „Hier wird mit Hilfe von Flutlicht auf Hochtouren gearbeitet“, sagte ein Reporter des staatlichen TV-Senders RTVE am Unglücksort in der Provinz Toledo, rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Mit drei Kränen wollten die Einsatzkräfte zwei besonders schwer beschädigte Waggons anheben. Die Einsatzkräfte schlossen laut RTVE nicht aus, dass sich in den Wracks weitere Opfer befinden.

Mindestens 68 Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt, nachdem am Mittwochmorgen zwei Hochgeschwindigkeitszüge nahe der Gemeinde Urda kollidiert waren. Viele Menschen suchten in der Nacht noch nach vermissten Familienangehörigen, wie Mercedes Martín, die Sprecherin der Polizeibehörde Guardia Civil in der spanischen Hauptstadt, dem Sender sagte. DNA-Proben würden in Madrid sowie in Toledo, Córdoba und Sevilla entnommen. „Wir werden hier die ganze Nacht lang bleiben“, sagte die Sprecherin.

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Es war kurz vor neun Uhr morgens, als ein Zug der staatlichen Gesellschaft Renfe auf einen stehenden Zug des privaten Bahnunternehmens Iryo von hinten auffuhr. Mehrere Waggons stürzten einen Bahndamm hinunter. In beiden Zügen waren insgesamt mehr als 540 Passagiere von Madrid nach Andalusien unterwegs.

Sánchez verspricht umfassende Aufklärung nach Zugunglück

Nach den jüngsten Angaben der Regierung der Region Kastilien-La Mancha wurden mehr als 100 Menschen verletzt. 53 wurden noch in Krankenhäusern behandelt, mehrere davon in kritischem Zustand, hieß es.

Ministerpräsident Pedro Sánchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus – und versprach eine umfassende Aufklärung. „Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen“, versicherte er vor Journalisten an der Unglücksstelle.

„Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei schwere Unglücke mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleben“, sagte Sánchez mit Blick auf das Zugunglück von Adamuz in Andalusien, bei dem im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Sollten sich Fehler im Sicherheitssystem herausstellen, werde man mit aller Konsequenz reagieren. Vorrang hätten zunächst die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen.

Menschliches Versagen als mögliche Ursache

Sánchez steht auch deshalb unter Druck, weil er einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl von der konservativen und rechtspopulistischen Opposition für das Unglück verantwortlich gemacht wird. „Korruption tötet“, die linke Regierung sei kriminell, sagte etwa der Chef der aufstrebenden rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal.

Rettungskräfte sind am Unfallort nach dem Zusammenstoß zweier Züge in Spanien im Einsatz.
Rettungskräfte sind am Unfallort nach dem Zusammenstoß zweier Züge in Spanien im Einsatz.dpa

Verkehrsminister Óscar Puente deutete auf mögliches menschliches Versagen hin. Das Unglück sei auf eine „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung der Bahnleitstelle zurückzuführen. Obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall noch nicht wieder funktionierte, habe die Leitstelle dem Renfe-Zug grünes Licht zur Weiterfahrt gegeben, während der Iryo-Zug noch stand. Ob allerdings tatsächlich menschliches Fehlverhalten vorlag, müsse die Untersuchung klären, sagte Puente.

Das auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte deutsche Zugsicherungssystem LZB (linienförmige Zugbeeinflussung) überwacht kontinuierlich das Fahrverhalten der Züge und übermittelt dem Lokführer Fahranweisungen direkt ins Führerhaus. Überschreitet ein Zug die zulässige Geschwindigkeit oder missachtet er bestimmte Vorgaben, kann das System automatisch bremsen. Bei einer größeren Störung übernimmt die Bahnleitstelle weitgehend die Kontrolle.

Warum der zuständige Fahrdienstleiter die Gefahr nicht rechtzeitig erkannte, ist eine der zentralen offenen Fragen. Zwischen den beiden Zügen lagen rund 25 Kilometer, die der Renfe-Zug in etwa 17 Minuten zurücklegte. Beamte der Polizei und der unabhängigen Behörde für die Untersuchung von Unfällen (AITAT) befragten bereits den Mitarbeiter. Die AITAT hält es derweil für „viel zu früh“, Hypothesen zu den Ursachen des Zusammenstoßes aufzustellen.

Rechtsextreme Proteste in Madrid

Die spanische Eisenbahngewerkschaft kritisiert den Zustand des Bahnnetzes. Die Lokführergewerkschaft Semaf hält an ihrem für heute angekündigten Streik fest, mit dem sie Verbesserungen bei der Sicherheit fordert. Der Ausstand war bereits am 16. Oktober und damit vor dem Unglück angekündigt worden.

Am Abend stand aber die Trauer im Mittelpunkt. Um Punkt 20.00 Uhr gedachten die Menschen in ganz Spanien der Opfer mit einer Schweigeminute vor den Rathäusern. Die landesweiten Gedenkveranstaltungen fanden unter anderem auch in Madrid, Barcelona, Valencia und Saragossa statt.

Einsatz von Polizisten vor dem Verkehrsministerium in Madrid
Einsatz von Polizisten vor dem Verkehrsministerium in MadridReuters

In Madrid kam es vor dem Transportministerium zu Ausschreitungen. Rechtsextreme Gruppen hatten nach dem schweren Zugunglück zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Dabei kam es zu Spannungen zwischen Teilen der rund 1.500 Demonstranten und der Polizei, wie der Fernsehsender TVE berichtete.

Das neue Unglück weckt Erinnerungen an die schwere Zugkatastrophe im Januar bei Adamuz in Andalusien. Damals war ein Iryo-Zug entgleist und mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug zusammengestoßen. 46 Menschen kamen ums Leben. Sánchez sagte den Gewerkschaften damals zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Maßnahmen im Bahnnetz zu, darunter für die Wartung in den Jahren 2026 bis 2030.

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