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Notlandung im Maisfeld : Was Moskaus Flugzeugunglück mit der Umwelt zu tun hat

Der Airbus 321 der Ural Airlines, der mit 226 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord landete kurz nach dem Start in der Nähe des Internationalen Flughafens Schukowski im Südosten Moskaus. Bild: dpa

Der Müll, der Flughafen und die Vögel: Am Donnerstag landete die Maschine einer russischen Fluggesellschaft in einem Maisfeld, weil sie zuvor mit einem Vogelschwarm kollidiert war – doch der kam nicht von ungefähr.

          Russland hat zwei neue Helden: Die beiden Piloten des Airbus 321, der am Donnerstag kurz nach dem Start vom Moskauer Flughafen Schukowskij in einem Maisfeld notgelandet ist. Der Kreml hat angekündigt, dass sie mit Orden ausgezeichnet werden sollen. Luftfahrtexperten und andere Piloten werden in russischen Medien mit bewundernden Äußerungen über die Leistung der beiden Männer zitiert, die nach dem Ausfall der Triebwerke wegen eines Zusammenstoßes mit Möwen das Flugzeug mit 233 Menschen an Bord im Gleitflug mit vollen Tanks sicher auf den Boden gebracht haben. 74 Personen wurden bei der Notlandung leicht verletzt, nur sechs von ihnen mussten stationär behandelt werden. Die Leistung der Piloten wird in Russland mit dem „Wunder auf dem Hudson River“ vor zehn Jahren verglichen, als es einem amerikanischen Piloten gelang, nach einem Zusammenstoß mit Gänsen auf dem Fluss in New York zu wassern.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Während über die Leistung der Piloten Einigkeit herrscht, begann schon wenige Stunden nach dem Unglück ein Streit über die Herkunft des Möwenschwarms. Die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ berichtete am Freitag, dass sich russische Fluglinien schon seit einiger Zeit über die große Zahl von Vögeln in der Umgebung russischer Flughäfen beschwerten. Das Blatt zitierte den Chef der Fluggesellschaft Utair mit der Aussage, Zusammenstöße zwischen Flugzeugen und Vögeln seien in Russland zehnmal so häufig wie im übrigen Europa. Laut der Statistik des Luftfahrtbehörd Rosawiazija ist die Zahl solcher Vorfälle in den vergangenen Jahren stark gestiegen – von 411 im Jahr 2015 auf 1021 voriges Jahr; in der ersten Jahreshälfte 2019 waren es schon 556 Fälle. Laut „Wedomosti“ hat sich der Billigfluganbieter „Pobeda“ voriges Jahr deshalb offiziell an die Staatsanwaltschaft gewandt – das Unternehmen sieht den Grund für die steigenden Zahlen in einer Pflichtverletzung durch die Flughäfen: Sie kümmerten sich nicht ausreichend darum, Vögel fernzuhalten.

          „Zyklopische“ illegale Müllhalden

          Allerdings haben die Flughäfen dabei mit Problemen zu kämpfen, auf die sie selbst keinen Einfluss haben. Moskaus größter Flughafen Scheremetjewo beschwerte sich schon vor drei Jahren bei der Regionalregierung des Moskauer Gebiets und der Generalstaatsanwaltschaft über „zyklopische“ illegale Müllhalden in seiner unmittelbaren Umgebung, die mehrere Tausend Hektar Fläche bedeckten, bis zu hundert Meter hoch seien und große Vogelschwärme anzögen.

          Auch nach dem Unglück am Donnerstag kam sofort die Vermutung auf, die Möwen stammten von einer Müllkippe in der Nähe des Flughafens Schukowskij, des neuesten der vier internationalen Flughäfen der russischen Hauptstadt. Die Regionalregierung des Moskauer Umlands wies das umgehend als „fehlerhaft“ zurück. Die nächste Mülldeponie sei 14 Kilometer entfernt und schon 2012, vier Jahre vor der Eröffnung von Schukowskij, geschlossen worden. Allerdings befindet sich um einen Baggersee in unmittelbarer Nähe des Flughafens eine mehrere Hektar große illegale Müllkippe, über die lokale Medien schon 2017 berichtet hatten. Damals warnte eine lokale Parlamentarierin, die Müllhalde sei nicht nur eine Gefahr für das Grundwasser und die Gesundheit der Menschen in den umliegenden Siedlungen, sondern auch für den Flughafen.

          In manchen russischen Medien hieß es, diese Müllkippe sei noch immer in Nutzung, andere berichteten, sie sei voriges Jahr geschlossen worden. Diese Unklarheit ist bezeichnend: Die offiziell ausgewiesenen Müllkippen reichen seit Jahren nicht mehr, um den ganzen Müll Moskaus aufzunehmen. Im Moskauer Umland gab es in den vergangenen Jahren mehrfach heftige Bürgerproteste gegen illegale Müllhalden, die mutmaßlich mit Wissen oder Unterstützung korrupter Behördenvertreter eingerichtet worden sind. Nun versucht die Hauptstadt, ihren Müll in entlegenen Gebieten Russlands zu entsorgen, stößt aber auch dort auf Widerstand. Der Protest gegen eine als „Ökotechnikpark“ bezeichnete Deponie im Gebiet Archangelsk in Nordrussland wurde diesen Sommer so massiv, dass sich Präsident Wladimir Putin zum Eingreifen gezwungen sah. Das bis dahin offiziell von der Moskauer Stadtregierung und dem Gebiet Archangelsk vorangetriebene Projekt hatte mit den illegalen Müllkippen im Moskauer Umland eines gemeinsam: Es gab dafür keine Genehmigung.

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