Schachkolumne : Schach

Die Schachkolumne von Stefan Löffler erscheint jede Woche am Freitag.
Eigentlich kam Roman Dzindzichashvili 1979 nach Deutschland mit dem Plan, Mercedes-Limousinen nach Israel zu überführen und dort für den doppelten Preis zu verkaufen. Sechsmal war er Schachmeister von Georgien gewesen. Sein Großvater war Rabbi, sein Vater ein angesehener Jurist, der an den Sozialismus glaubte. Sein Bruder dokumentierte Ende der Siebzigerjahre mit einer Kamera das Leben der sowjetischen Juden, während immer mehr von ihnen nach Israel ausreisen durften – auch Roman Dzindzichachvili, doch in Israel war ihm zu wenig los. Nach einer Turnierreise, es könnte Tilburg gewesen sein oder Hastings, blieb er in Frankfurt hängen. Statt sich dem Autohandel zu widmen, zockte er. Im Pokern war er eine Katastrophe. Hatte er gute Karten, verriet sein Gesicht es sofort. Backgammon lag ihm mehr. Beim Schach gab er stets Zeit vor und kassierte trotzdem fast alle ab. Gewöhnlich spielte er um fünf Mark die Partie mit Kontra und Re. Auch in Täuberts „Billardsalon“ in Berlin, im „Drugstore“ in Heidelberg und im „Ubu“ in Karlsruhe wurde er in jenem Sommer gesichtet. Die Kiebitze staunten, wenn der bullige Georgier die Lokalgrößen niederblitzte. Hajo Vatter, der Blitzkönig von Karlsruhe, hielt erst mit fünf Minuten gegen zwei annähernd mit. Karl-Heinz Podzielny, damals Blitzkönig von Deutschland, behauptete sich, wenn er drei Minuten gegen zwei bekam. Ob „Dschindschi“ seine Schachgewinne in der Spielbank oder beim Kartenspiel in Hinterzimmern verzockte, ist umstritten. In Geldnot war er jedenfalls ständig. Als ihm ein Schachverlag anbot, ein Buch über sich herauszugeben, war er gleich dabei. Einige enthaltene Partien reimte er sich aus dem Kopf zusammen. Bei Manuskriptübergabe ließ er sich bar auszahlen. Open-Turniere in Maintal und Heidelberg hätte er als Großmeister auf dem Sprung zur Weltklasse glatt gewinnen müssen. Doch die zwischen den Runden durchzockten Nächte forderten Tribut. Selbst ein Dzindzichashvili braucht manchmal Schlaf. Er fand ihn in einer Studentenbude, die ihm ein Schachfreund im Frankfurter Westend überließ. Der borgte ihm auch 2000 Mark und chauffierte ihn in einem blauen Golf zu Turnieren, Schachcafés und Nachtclubs. Zwei Ligakämpfe bestritt er noch für Königsspringer Frankfurt. Dann war er eines Tages verschwunden. Er hinterließ eine riesige Telefonrechnung, aber keine Nachricht. Ein paar Wochen später tauchte sein Name bei einem Turnier in New York auf. Er brachte es bis ans erste Brett des amerikanischen Teams. Später produzierte er Schachvideos, wurde ein gefragter Trainer, ließ sich in Boston nieder. Diesen Sonntag wird er 80 Jahre alt. Seine deutschen Schulden hat er bis heute nicht zurückgezahlt. Beim Maintal-Open 1979 ergab sich eine denkwürdige Begegnung mit dem deutschen Jugendmeister Eric Lobron, der respektlos einen Turm opferte. Dzindzichashvili gab den Turm zurück und konterte den jungen Wiesbadener aus.
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