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Twiggy : Das solide Zweiglein

Mit 62: Miniröcke sind passé. Twiggy hat jetzt buchstäblich die Hosen an. Bild: Brian Aris

Früher war sie das Gesicht der Sechziger. Doch auch das Altern steht Twiggy gut. In der britischen Gesellschaft hört man auf ihre Stimme – ob als Mode-Ikone, als Sängerin oder Fernseh-Jurorin.

          5 Min.

          Das hätte man nun wirklich nicht erwartet: Dass aus Twiggy, dem Magermodel aus den sechziger Jahren, jetzt - in ihren eigenen Sechzigern angekommen - ein Wesen geworden ist, das dem Durchschnittsbürger aus der Seele spricht. Dieses dürre Ding, dem einst die Strumpfhose um die Knie schlackerte? Das Tausende Teenager dazu veranlasste, sich für ein Schönheitsideal selbst zu quälen? Es ist schwer vorstellbar, dass aus dieser Twiggy eine Frau geworden ist, die das Leben einer, sagen wir, durchschnittlichen Mary Smith aus England und vielleicht auch einer Frau Schmidt aus Deutschland versteht und zu einem gewissen Grade teilt - und die dazu auch noch so ähnlich aussieht.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch man glaubt es sofort, wenn man Twiggy zum Tee in einem Berliner Hotelzimmer trifft. Von weitem hört man sie schon. Sie ist gerade dabei, ihre Getränkebestellung aufzugeben.

          „I just have me tea.“ Me tea! Ein erstes Indiz. Seit 46 Jahren bewegt sich Twiggy nun zwischen Glanz und Gloria, die sprachliche Einfärbung der unteren Mittelschicht scheint sie dabei nicht verloren zu haben. Sie kommt jetzt um die Ecke gehuscht und bereitet sich, bevor man überhaupt hallo sagen kann, auf die ganz große Geste vor. „Es schneit“, ruft sie begeistert und reißt ihre Arme auseinander, als wolle sie zu einem Schneeengel ausholen und sich vom vierten Stock rückwärts runter in den weißen Flaum fallenlassen.

          Resoluter Silver-Ager

          Nun, Twiggy versteht es, die Romantik eines Augenblicks für ihre eigenen Vorstellungen zu nutzen. So heißt auch ihr neues Album, das am Freitag in Deutschland erscheint, nicht einfach „Yours“, sondern dramatischer „Romantically Yours“. Und entsprechend setzt sie sich auf dem CD-Cover in Pose.

          Auf dem Cover ihres Albums kommt sie fülliger daher, als sie eigentlich ist.

          In einem hellblauen Tutu-Rock, einem schimmernden, trägerlosen Satinbody und einem rosa Jäckchen schaut sie dort für das Foto verträumt zu Boden, streckt den rechten Arm aus und legt den linken so über den Kopf, dass sie interessanterweise fülliger daherkommt, als sie eigentlich ist.

          Das kann unvorteilhaft wirken. Es kann aber auch, besonders im Hinblick auf die Vergangenheit ihres Body-Mass-Index, Strategie sein. Mit ihren weichen Gesichtszügen, den blonden, gestuften Haaren und schließlich dem eine Spur zu kräftigen Oberkörper kommt sie auf diesem Album-Cover der Durchschnittsbritin erstaunlich nah.

          Im richtigen Leben ist sie ein resoluter Silver Ager. Mit ihrer soliden Art passt sie so gut in die heutige Gesellschaft wie damals, in den sechziger Jahren, in den gerade von Mary Quant erfundenen Minirock. Es könnte also jetzt, da niemand so recht vor oder zurück weiß, ein guter Zeitpunkt sein, um sich von Twiggy etwas ins Ohr singen zu lassen.

          Poesiealbum mit nostalgischen Liedern

          Seit 1971 ist sie als Sängerin im Geschäft. Auf der aktuellen CD singt sie Coversongs, die nicht nur aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, jener Zeit, mit der man sie noch immer am stärksten verbindet. Stattdessen hat sie sich eine Art Poesiealbum zusammengestellt mit gefühlsseligen, nostalgischen Liedern verschiedener Epochen, die wie alte Liebesmarken hintereinanderkleben.

          Von den 20ern bis heute ist alles dabei: Twiggy singt Lieder vieler Epochen.

          Da sind Songs, die ihr Vater früher auf dem Klavier spielte, wie George Gershwins „Someone To Watch Over Me“ aus den Zwanzigern, „My Funny Valentine“ von Richard Rodgers aus den Dreißigern oder „Bewitched, Bothered and Bewildered“ aus dem Musical „Pal Joey“ der Vierziger. Da ist auch Twiggys guter Freund Richard Marx zu hören, mit dem sie „Right Here Waiting For You“ singt. „Der ultimative Hochzeitssong. Auf wie vielen Hochzeiten wurde der wohl schon gespielt?“, überlegt sie. „Richard wohnt in Chicago, und ich habe ihn einfach ganz frech angerufen und gefragt, ob er mit mir singen würde“, erzählt sie. „Ganz frech“ hat Twiggy daraufhin ebenso bei Bryan Adams nachgefragt und bei ihrer mittlerweile 33 Jahre alten Tochter Carly Lawson.

          „Wie eine Freundin, die auf meiner Schulter sitzt“

          Zu Twiggys Popularität hat auch diese Spur Selbstironie beigetragen; als Model der Vergangenheit, das immer noch mitmischt, will sie nicht missverstanden werden. „Die Leute können ja schnell genug von einem bekommen: ,Nicht die schon wieder!’“ Twiggy rollt ihre Augen, lacht und wird dann wieder ernst. „Ich spreche immer das aus, was ich denke. Wenn man so lange wie ich dabei ist, sind die Leute daran gewöhnt, einem zu vertrauen. Das ist schön.“

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