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Attacke am Frankfurter Bahnhof : „Bei vielen Eritreern löst die Lage große Verunsicherung aus“

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Was denken Eritreer, die in Frankfurt leben, über den Mord durch einen Landsmann? Bild: Michael Braunschädel

Was denken Leute aus Eritrea, die hier leben, über die Tat? Unser Autor hat einen Ladeninhaber aus der Community getroffen und mit ihm über seine Ankunft in Deutschland, die AfD und Schuldzuweisungen gesprochen.

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          Tinsaeberhan Ghebreselasie kennt seine Kunden. Dem einen winkt er zu, dem anderen klopft er auf die Schulter, dem nächsten reicht er die Hand. Und er lacht. Nicht dieses professionelle Grinsen, bei dem sich nur die Mundwinkel bewegen, während die Augen ausdruckslos bleiben, sondern die gewinnende Panoramavariante. Sein Laden befindet sich schräg gegenüber vom Frankfurter Hauptbahnhof und heißt „Beauty Zone“. Viele Afrikaner kaufen dort ein, vor allem Menschen aus Eritrea: amerikanische Pflegeprodukte, Kaffeebohnen und Paprikapulver, Linsen und Stangenpfeffer. Tritt Ghebreselasie vor die Tür, geht es ungebremst gesellig weiter: Begrüßung, Smalltalk, Handschlag. Auch in der Gasse hinter dem Geschäft rufen ihm Menschen von der anderen Straßenseite aus etwas zu; man kennt ihn im Viertel.

          Nachdem er sich in der Bar eines Hotels einen Kaffee bestellt hat, rührt er ihn erst einmal nicht an. Denn auf dem Fernsehschirm hinter der Theke erscheint eine Meldung über die AfD, die bei ihm eine Gedankenkette auslöst: „Die AfD lebt von Ausländern, die sie loswerden möchte“, sagt er. „Das ist ein großer Widerspruch. Und die furchtbare Tat wurde von dieser Partei natürlich sofort aufgegriffen.“

          Die furchtbare Tat: der Eritreer, der vergangenen Montag eine Frau und ihren achtjährigen Sohn auf ein Gleis stieß; der Junge wurde vom Zug erfasst und starb. Kurz darauf twitterte AfD-Fraktionschefin Alice Weidel: „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!“ Ghebreselasie hebt immer wieder hervor, es habe sich da um das Verbrechen eines kranken Menschen gehandelt, nicht um die erwartbare Handlung eines Merkmalsträgers. Entscheidend sei die psychische Verfassung des Täters, nicht seine Herkunft: „Wie sollte man diese schreckliche, aber ideologiefreie Tat daher politisch einordnen können?“

          „Mittlerweile bin ich vollkommen eingedeutscht“

          Ghebreselasie, der heute im Rentenalter ist, kam Anfang der achtziger Jahre von Eritrea nach Deutschland, weil sich seine Heimat im Krieg mit Äthiopien befand. „Bevor ich Richtung Sudan und von dort hierher geflohen bin, habe ich verschiedene militärische Ausbildungen genossen und auch gekämpft.“ Redepause. Er lehnt sich zum ersten Mal zurück, schaut zur Decke, nippt an seinem Kaffee, setzt sich wieder auf die vordere Kante seines Sessels und spricht rasch weiter: „Hier habe ich kurz Soziologie studiert, dann gemerkt, dass ich davon nicht leben kann, und Informationselektronik gemacht. Mittlerweile bin ich vollkommen eingedeutscht.“ Inzwischen betreibt er sein Geschäft seit mehr als 20 Jahren; außerdem engagiert er sich als Vorstand der orthodoxen eritreischen Gemeinde in Frankfurt.

          Mit deren Mitgliedern spricht er oft über das aktuelle Geschehen: „Bei vielen Eritreern, die seit Jahrzehnten in Deutschland oder sogar hier aufgewachsen sind, löst die Lage eine große Verunsicherung aus.“ Dieser Tage wird er von seinen Landsleuten häufig danach gefragt, was jetzt, da ein offensichtlich schwer gestörter Mann den Ruf ihrer Heimat „beschmutzt“ habe, zu tun sei, berichtet er. Seine Antwort: besonnen bleiben – und Solidarität mit der Mutter des toten Jungen bekunden.

          Die vergangene Woche war für Ghebreselasie ein Lehrstück über voreilige Schuldzuweisung: „Nachdem der Junge gestorben ist, haben die ersten Nachrichtenmagazine gefragt: ‚Ist das die Rache für das Attentat auf einen Eritreer in Wächtersbach?‘ Das war für mich ein Schock. Die virale Eskalationsspirale war sofort etabliert.“

          Ghebreselasie, der sich selbst als einen Optimisten bezeichnet, legt etwas zaghaft, fast ein wenig verdruckst nach: „Bringt uns diese schlimme Tat so sehr in Verruf, dass unsere gesellschaftliche Teilhabe am Ende zur Disposition steht? Ich hoffe nicht.“ Er zuckt mit den Schultern und lacht sein ansteckendes Lachen.

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