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Verschwiegenheitsklauseln : „Es tut mir leid, aber das Gesetz holt mich ein“

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An die Vertraulichkeitsvereinbarung fühlt sich Rose McGowan bis heute gebunden. „Es tut mit leid, aber das Gesetz holt mich ein“, schrieb sie dem „New Yorker“ vor drei Wochen, als sie ein Interview zurückzog. Bild: AP

Umstrittene Verschwiegenheitsklauseln und -verträge sorgen in Amerika dafür, dass Belästigungsvorwürfe nicht an die Öffentlichkeit kommen. Ein Opfer Weinsteins zog deshalb sogar im Nachhinein ein Interview zurück.

          Seth MacFarlane war einer der wenigen, der die Gerüchte öffentlich aussprach. „Herzlichen Glückwunsch! Ihr fünf Damen müsst nicht länger vorgeben, euch zu Harvey Weinstein hingezogen zu fühlen“, witzelte der amerikanische Komiker, als er Anfang 2013 die Oscar-Nominierungen für Sally Field, Anne Hathaway, Jacki Weaver, Helen Hunt und Amy Adams verkündete.

          Auch die Autoren der Fernsehsatire „30 Rock“ ließen sich zu Anspielungen auf Weinsteins sexuelle Aufdringlichkeit hinreißen. „Oh bitte, ich fürchte mich vor niemandem in der Unterhaltungsbranche“, schrieben sie Jane Krakowski vor fünf Jahren ins Drehbuch. „Geschlechtsverkehr mit Harvey Weinstein habe ich bei nicht weniger als drei Gelegenheiten ausgeschlagen – von fünf.“ Hollywood schmunzelte und ging wie gewohnt zur Tagesordnung über. Seit „New York Times“ und „New Yorker“ vor drei Wochen Anschuldigungen einiger dutzend Frauen öffentlich machten, ist der kalifornischen Filmenklave das Lachen allerdings vergangen.

          Fast täglich berichten Schauspielerinnen, Models und frühere Mitarbeiterinnen, ebenfalls von Weinstein vergewaltigt oder belästigt worden zu sein. Die Schauspielerin Dominique Huett reichte in dieser Woche eine Klage gegen die Filmproduktionsgesellschaft The Weinstein Company (TWC) ein, weil sie die angeblichen Übergriffe ihres Gründers toleriert haben soll. Auch Mimi Hayeli trat jetzt vor die Fernsehkameras. Die Schauspielerin beschuldigte Weinstein, sie im Jahr 2006 in seinem New Yorker Loft auf dem Bett eines seiner Kinder zu Oralsex gezwungen zu haben.

          Anne Hathaway im Film „Interstellar“. Schon Anfang 2013 witzelte ein Komiker, sie müsse jetzt wegen ihrer Oscar-Nominierung nicht länger vorgeben, sich zu Harvey Weinstein hingezogen zu fühlen.

          Später schilderte die „Elektra“-Darstellerin Natassia Malthe in Begleitung der kalifornischen Frauenrechtlerin Gloria Allred, wie Weinstein sie vor neun Jahren nach der Preisverleihung der britischen Filmakademie in ihrem Londoner Hotelzimmer heimsuchte. Der Produzent soll Malthe damals brutal vergewaltigt haben. „Ich lag still, schloss meine Augen und wünschte mir, dass es schnell vorbei ist“, sagte die Schauspielerin unter Tränen. Malthe ist die neunte Frau, die Weinstein der Vergewaltigung bezichtigt. Auch Oscar-Preisträgerinnen wie Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow, Mira Sorvino und Lupita Nyong’o gaben an, von dem Produzenten bedrängt worden zu sein. Die ersten Übergriffe Weinsteins sollen bereits mehr als 30 Jahre zurückliegen.

          Dass über die Belästigungen des Studiochefs jahrzehntelang nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, garantierten auch sorgfältig formulierte Vertraulichkeitsvereinbarungen. Frühere Angestellte der von Weinstein gegründeten Filmgesellschaften Miramax und TWC berichten über sogenannte Non-Disclosure Agreements (NDA) als Teil des Arbeitsvertrages. Drohende Enthüllungen von Nachwuchsstars soll der Fünfundsechzigjährige immer wieder durch Geheimhaltungsabkommen erstickt haben. So ließ er die Schauspielerin Rose McGowan vor 20 Jahren angeblich ein NDA unterzeichnen, um sie nach einer Vergewaltigung zum Schweigen zu verpflichten. Als Gegenleistung soll Weinstein der „Scream“-Darstellerin damals 100.000 Dollar gezahlt haben. An die Vertraulichkeitsvereinbarung fühlt sich McGowan bis heute gebunden. „Es tut mit leid, aber das Gesetz holt mich ein“, schrieb sie dem „New Yorker“ vor drei Wochen, als sie ein Interview mit der Zeitschrift über Weinsteins angeblichen Missbrauch zurückzog.

          Natassia Malthe (links) erklärte kürzlich auf einer Pressekonferenz in Begleitung der kalifornischen Frauenrechtlerin Gloria Allred, dass Weinstein sie vergewaltigt habe.

          Zelda Perkins, eine ehemalige Assistentin des Hollywood-Moguls, geht dagegen in die Offensive. In der „Financial Times“ beschrieb die Engländerin vor einigen Tagen, wie Anwälte sie in den neunziger Jahren zu einem Non-Disclosure Agreement mit Weinsteins Firma Miramax drängten. Perkins hatte damals gekündigt, weil der Produzent angeblich immer wieder nackt vor ihr herumspazierte und versuchte, sie in sein Bett zu ziehen. Als eine Kollegin zudem von einer Vergewaltigung durch Weinstein erzählte, verabschiedete sich Perkins von Miramax. Ihre Versuche, Weinstein durch den Mutterkonzern Walt Disney zur Rechenschaft zu ziehen, wurden abgeblockt.

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