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Hospitalschiff „Africa Mercy“ : Heilung an Bord

  • -Aktualisiert am

41 Stufen zu einem neuen Leben: Abschied von der „Africa Mercy“. Bild: Toni Rasoamiaramanana

Wer in Madagaskar erkrankt, wird oft verstoßen. Ohne Zugang zu medizinischer Hilfe droht jahrelanges Leid. Für Hoffnung sorgt ein internationales Team aus Ärzten und Spitzenmanagern an Bord des größten Hospitalschiffes der Welt.

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          Sein Sohn Wesley geht mit 45 anderen Kindern auf die bordeigene Schule. Ein Jahr noch, dann ist er frei. Er will in Amerika Medizin studieren, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. In China wird gerade ein zweites Schiff gebaut, es könnte seines werden.

          Die 1978 von dem Texaner Don Stephens gegründete Organisation „Mercy Ships“ wächst, Roland Decorvet will sie professionalisieren. Die Verweildauer an den jeweiligen Orten will er auf zwei Jahre verdoppeln, um das Angebot besser auf die Bedürfnisse eines Landes zuschneiden zu können, die Fluktuation unter der internationalen Besatzung soll sinken, „Mercy Ships“ zur Marke werden.

          Es ist die Sprache eines Managers. Bis Ende April 2014 hat Decorvet Tütensuppen und Schokoriegel verkauft. In China war der Schweizer Herr über den zweitwichtigsten Absatzmarkt des Nahrungsmittelgiganten Nestlé. Mit 48 Jahren hatte er gute Chancen auf einen Platz an der Konzernspitze. Dann kündigte er, zog mit seiner Frau und den vier Kindern in eine Kajüte und nennt sich seither „Managing Director“. Passender wäre „Krisenmanager“, in den vergangenen Monaten musste er viel umorganisieren.

          Seit sich an der Westküste Afrikas das Ebola-Virus ausgebreitet hat, musste Decorvet die vorbereiteten Einsätze in Guinea und Benin absagen. Einige Container mit Hilfsgütern sind immer noch unterwegs. Das Schiff ist auf chirurgische Eingriffe spezialisiert, Isolierstationen gibt es nicht. Die Gefahr, Infizierte anzuziehen und so das Virus über Landesgrenzen zu verschleppen, ist groß. Damit zerschlug sich auch eine Rückkehr in die Republik Kongo und nach Angola.

          „Jeder Mensch kann Gutes tun“

          Decorvet fährt mit seinem Zeigefinger über die Landkarte des Schwarzen Kontinents. Er skizziert seine zweite große Schiffsreise. Beim ersten Mal war er drei Jahre alt. Damals zog die Familie nach Kinshasa, in den Kongo. Während seines Studiums in Genf leitete er Abenteuerreisen in Zimbabwe und Madagaskar. Nun ist er zurück - in vielerlei Hinsicht.

          Decorvet stammt aus einer Pastorenfamilie. Vater, Großvater, Urgroßvater und Bruder zog es in den Dienst der Kirche, ihn in die Wirtschaft. An seinem rechten Arm trägt er ein schwarzes Armband mit einem kleinen weißen Kreuz, in seiner Kabine hängt ein großes, an dem ein Bild von Carol und seinen vier Kindern klemmt. Sie haben sich vor 15 Jahren kennengelernt, als Decorvet einem Waisenhaus im Süden der Insel helfen wollte. Aus der Heimleiterin wurde seine Frau. Seit April 2014 ist ihr Onkel Roger Kolo, ein Radiologe mit Schweizer Staatsbürgerschaft, Premierminister in Madagaskar. Manchmal kann selbst die viertgrößte Insel der Welt ein kleiner Ort sein.

          Patientin Vololomirina nach ihrer Operation Bilderstrecke

          Dass sich die Wege hier kreuzen, dass ihr Mann seinen lukrativen Posten aufgeben würde, um, wie er es nennt, „ein fehlendes Kapitel im Buch meines Lebens zu schreiben“, hat jedoch auch Carol nicht geglaubt. Doch Decorvet ist gut für Überraschungen, er passt in keine Schublade.

          Als er sich für das kirchliche Hilfswerk „Heks“ engagierte, galt er als Spion aus der Konzernwelt, als er in China zum „Geschäftsmann des Jahres“ gewählt wurde, galt er als Freund eines autoritären Regimes. Decorvet hat dafür wenig Verständnis. „Ich hasse Extreme. Warum muss jeder Manager ein gewissenloser Wirtschaftshai sein, jeder Sozialarbeiter ein Neokommunist? Es muss einen Mittelweg geben.“ Seine Devise lautet: „Jeder Mensch kann Gutes tun. Aber wenn man eine Million Euro im Jahr verdient, gibt es eigentlich keine Ausrede.“

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