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Corona und Psyche : Wie sich die Pandemie auf psychisch Kranke auswirkt

Ständiges Zuhausesein fördert einen Alltag ohne Struktur, was sich auf die meisten von Depressionen Betroffenen kontraproduktiv auswirkt. Bild: dpa

Entgegen erster Annahmen ist die Zahl der Suizide in Deutschland in der Corona-Pandemie mutmaßlich nicht gestiegen. Doch sie hat schwere Auswirkungen auf psychisch Kranke.

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          Vor einem halben Jahr veränderte die Corona-Pandemie das Leben in Deutschland innerhalb weniger Tage grundsätzlich. Das bereitete auch psychisch stabilen Persönlichkeiten Stress – und führte schnell zu Spekulationen, die unsichere und von vielen als bedrohlich empfundene Situation werde zu mehr Suiziden führen. Doch Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit Sitz in Leipzig, kennt keine Statistik von Polizei oder Pathologie, die einen Hinweis auf erhöhte Suizidzahlen gäbe.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jedoch habe sich besonders in den ersten Wochen die Versorgungslage von Menschen mit psychischen Erkrankungen verschlechtert, sagt Hegerl, nachdem viele Klinikambulanzen den Betrieb heruntergefahren und stationäre Behandlungen abgesagt oder frühzeitig beendet wurden. Hinzu kam, dass sich viele Menschen aus Furcht vor einer Infektion nicht mehr getraut hätten, zum niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten zu gehen. Für die Wochen, in denen die Menschen zu Hause bleiben sollten, schließt Hegerl nicht aus, dass es mehr Suizidversuche gab – aber weniger Suizide, da weniger tödliche Suizidmethoden verwendet wurden.

          Suizidversuche werden nicht statistisch erfasst. Ihre Zahl liegt vermutlich fünfzehn- bis zwanzigmal höher als die der vollendeten Suizide. Im Jahr 2018 nahmen sich laut Statistischem Bundesamt 9396 Personen das Leben, mehr als 25 jeden Tag. Die Statistik für dieses Jahr wird voraussichtlich Ende 2021 vorliegen.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Christa Roth-Sackenheim, die seit 25 Jahren eine Praxis für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Andernach betreibt und in zwei Berufsverbänden aktiv ist, berichtet, dass Angstpatienten mit dem Lockdown eine stärkere Belastung erlebten. Depressive Menschen hätten sich zunächst häufig entlastet gefühlt, da es plötzlich legitim war, zu Hause zu bleiben, was diesem Erkrankungsbild grundsätzlich entgegenkommt.

          Mit anhaltender Dauer der Krise habe sich dieses Empfinden aber gewandelt. Ständiges Zuhausesein fördert einen Alltag ohne Struktur, was sich auf die meisten Betroffenen kontraproduktiv auswirkt. Zudem mangelte es ihnen an Bewegung, ein wichtiges Instrument in der Behandlung von psychisch Erkrankten. Psychotische Patienten mit Wahnvorstellungen oder Halluzinationen hätten sich hingegen kaum beeinflusst von der veränderten Situation gezeigt. Auch Roth-Sackenheim kann sich vorstellen, dass die Zahl der Suizidversuche gestiegen ist, von einer vermehrten Anzahl an tatsächlich vollzogenen Suiziden kann sie aber aus der eigenen Praxis und aus dem Austausch mit Kollegen nicht berichten. Sie macht sich jedoch Sorgen, was passieren wird, wenn Menschen in den kommenden Monaten durch Corona-Auswirkungen in existenzielle Nöte geraten.

          Diese Befürchtung teilt Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Verhaltenstherapie, der in einer Münchner Praxis gemeinsam mit zwölf Kollegen Patienten behandelt: „Vieles wird erst kommen.“ Seit Beginn der Pandemie habe sich jedoch keiner der Patienten das Leben genommen. Unter anderem führt er das darauf zurück, dass viele Therapeuten von Ende Mai an, als sehr viele Patienten nach Terminen fragten, Videosprechstunden anboten. Er lobt die schnelle Reaktion von Politik und Kassenärztlicher Vereinigung. Bisher hatte man Sondergenehmigungen für Videosprechstunden aufwendig beantragen müssen, unter Corona-Einfluss ging das plötzlich unkompliziert. Im Diskussionsforum Depression, das Niedermeier online moderiert, beobachtete er einen großen Bedarf der Teilnehmer, sich auszutauschen, aber nicht mehr Suizidankündigungen als sonst. Viele jüngere Patienten hätten sich rasch auf Online-Therapieangebote umgestellt.

          Die Klientel, mit der Barbara Schneider, Chefärztin der LVR-Klinik Köln und auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert, zu tun hat, ist häufig schlechter in der Lage, solche virtuellen Kommunikationskanäle zu nutzen. Da in der Pandemie Belastungsfaktoren wie Einsamkeit und soziale Isolation zunehmen, wäre der Kontakt mit Familienangehörigen wichtig. „Die bettlägerige Mutter in Russland erreicht man aber nicht so einfach per Videochat“, sagt sie. Auf die bedrohliche Situation der Pandemie hätten Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen wie viele andere reagiert: „Ein Gläschen Wein hilft bei der Bekämpfung von Symptomen. Beim Alkoholiker bleibt es aber nicht bei dem einen Glas.“ Zudem habe es wegen des Lockdowns vielerorts weniger Hausbesuche durch psychosoziale Dienste gegeben – bei Abhängigen ein bewährtes Betreuungskonzept. Schneider, die auch Vorsitzende des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland ist, betont, dass keine validen Daten zu Suiziden in der Pandemie vorliegen.

          Und auch der Gießener Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer, der Präsident des Berufsverbands Deutscher Rechtsmediziner, stellt fest, dass ihm für die Kreise Gießen, Marburg, Kassel, Fulda und Limburg keine gesteigerte Suizidrate aufgefallen ist. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in der vergangenen Woche sei natürlich viel über die Pandemie gesprochen worden, aber auch dort habe er aus dem Kreis der Kollegen keinen Hinweis auf mehr Suizide vernommen.

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