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Gespräch mit Michala Marcussen : „Das Grexit-Risiko ist wieder da“

Michala Marcussen: „Regierungen der Mitgliedsländer müssen sich endlich um Strukturreformen bemühen.“ Bild: Andreas Pein

Michala Marcussen, Chefökonomin der Société Générale, spricht über alte und neue Krisenherde in Europa. Welche Ansätze können Europa längerfristig helfen?

          Frau Marcussen, wird Großbritannien aus der EU austreten?

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach den aktuellen Umfrageergebnissen besteht ein hohes Risiko, dass es wirklich dazu kommen könnte.

          Risiko - in welcher Hinsicht?

          Schon heute gilt das bevorstehende Referendum als Quelle für die Unsicherheit an den Finanzmärkten in Europa.

          Der britische Finanzminister und auch die Bank of England warnen vor einem Austritt. Geht die Verunsicherung über Europa hinaus?

          Auch das. Die Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten beeinflusst schon heute die Entscheidungen der amerikanischen Notenbank.

          Das nächste Treffen der Fed findet nur acht Tage vor dem britischen Referendum statt. Wird sich die Notenbank wegen des drohenden Brexits mit Zinserhöhungen zurückhalten?

          Schauen Sie sich die Wortwahl der amerikanischen Notenbankchefin an. Janet Yellen redet sehr viel über Asymmetrien. Das heißt, sie achtet stark auf das internationale Umfeld. Glücklicherweise setzt sie die moderate Inflationsentwicklung in Amerika nicht unter Druck, die Zinsen schon bald weiter zu erhöhen. Sie wird sich damit also Zeit lassen.

          Aber die Fed hat sich doch eigentlich immer nur an amerikanischen Wirtschaftsdaten orientiert.

          Sie hat ihre Politik geändert. Seit dem vergangenen Jahr ist das augenscheinlich. 2015 haben alle erwartet, dass die Fed die Zinsen zwei- oder dreimal erhöhen wird. Aber sie ist vor den Turbulenzen an den chinesischen Märkten zurückgeschreckt. Erst Ende 2015 kam es zu der überfälligen Zinserhöhung. Derzeit legen Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten eigentlich weitere Zinserhöhungen nahe, aber vor Dezember 2016 sehe ich das nicht. Zu viele ungelöste Probleme belasten derzeit die Märkte.

          Abgesehen von dem drohenden Brexit – welche sind das?

          Die Vereinigten Staaten befinden sich in der Spätphase des derzeitigen Konjunkturzyklus. 2018 wird es einen Abschwung geben. In solchen Endphasen steigt gemeinhin die Volatilität. Auch in Europa ist vieles ungeklärt. Wir haben noch immer die Bankenunion nicht vollendet. Keiner weiß, wie die europäische Fiskalunion aussehen wird. Auch in der Vertiefung der Kapitalmarktunion ist vieles offen. Alle diese Vorhaben kamen 2015 nur langsam voran. Europa ist zu sehr beschäftigt, die Griechenland-Krise zu lösen und die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Ein Austritt Englands aus der EU wäre ein weiteres Thema, das den Fortschritt der europäischen Integration verlangsamen könnte.

          Was ist das größte Problem?

          Wir haben kein ausreichend nachhaltiges Wirtschaftswachstum auf einem entsprechend starken Niveau.

          Dabei pumpt die EZB seit Jahren sehr viel Geld in die Märkte. Wirken die Maßnahmen von EZB-Präsident Mario Draghi nicht mehr?

          Lange Zeit haben die Marktakteure auf die Effektivität geldpolitischer Instrumente vertraut. Sie wussten zwar, dass diese über die Zeit in ihrer Wirkung abnehmen. Gleichwohl haben sie darauf gesetzt, dass die EZB nur die Dosis erhöhen muss, um neue Wirkung zu erzielen. So denken sie jetzt nicht mehr. In ihrer Einschätzung geldpolitischer Möglichkeiten hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Alle meinen, sie hätten sich erschöpft und seien wirkungslos geworden. Man darf inzwischen daran zweifeln, dass negative Zinsen wirklich eine so gute Idee sind.

          Warum?

          Sie haben enorme Schattenseiten. Sie setzen das Bankensystem auf der Einnahmenseite unter Druck, weil die Ertragskurve sehr viel flacher wird. Sie verunsichern darüber hinaus die Verbraucher...

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