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Serie „Wildwechsel“ : Ente bleibt draußen

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Flügelschlag: Eine Stockente, aufgenommen an einem Nebenarm der Spree bei Beeskow in Brandenburg. Bild: ZB

Freie Wildbahn auf dem Wasser: Enten sind genügsam, sie halten es in Venedig wie in Schleswig-Holstein aus. Das Interessanteste an ihnen ist ihr liebenswürdiges Balz- und Paarverhalten.

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          Bei Ernest Hemingway denkt man an Boxkämpfe, Stierkämpfe und Großwildjagd, an alles mit Knall und Gefahr, aber sein berühmter 1950 erschienener Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ beginnt und endet still, kalt, dunkel und unspektakulär – mit einer Entenjagd in der Lagune von Venedig. In der nächtlichen Finsternis vor dem heraufziehenden Morgen durchschneiden die Jagdboote das Eis auf ihrem Wasserweg: „Zwei Stunden vor Tageslicht brachen sie auf ...“. Während der Jäger in seine Deckung klettert – eine eichene Tonne, die im Uferschilf verborgen ist –, muss der Bootsmann mehr Eis brechen, um die hölzernen Lockenten aussetzen zu können, eine listige Einladung zum Landen an echte Enten. In einem Sack im Boot warten noch zwei gefangene Enten darauf, ebenfalls zu Wasser gelassen zu werden.

          In der ersten deutschen Übertragung von „Across the River and into the Trees“ nennt die Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst die Vögel „Wildenten“, ein früher selbst bei Jägern für alle Enten in Freiheit gebräuchlicher Sammelbegriff. Meistens ist damit in Deutschland die Stockente gemeint, deren Erpel das seidige, schillernde, sattgrüne Kopfgefieder tragen und deren Flügelfedern bei beiden Geschlechtern einen wunderschönen weißen und hellblauen Rand aufweisen. Stockenten sind die Vorfahren der Hausenten. Bis heute mischen sie sich mit entkommenen zahmen Exemplaren und erzeugen Nachkommen mit weißer Brust.

          Hemingways Jäger ist ein Veteran, ein noch nicht einmal sehr alter amerikanischer Oberst in allerdings schlechter körperlicher Verfassung. Entenjagen ist etwas, das er schon als Kind liebte, es ist in seinem Körpergedächtnis, es verbindet ihn mit seiner Vorkriegsvergangenheit. Nur deshalb nimmt er die Anstrengungen noch auf sich.

          Überhaupt ist die Stockente vielleicht dasjenige Wildtier, dem Stadt- und Landkinder häufig zuerst begegnen. Sie macht schon durch ihre Ruffreudigkeit auf sich aufmerksam, man hört so schön das „räb räb räb räb räb räb“ des Erpels in abfallender Tonhöhe und das „wak wak wak“ der Ente, aber auch das „Klingeln“, wie die Jäger sagen, das die Flügelschläge der durch die Luft gleitenden Vögel erzeugen. Das Stadtkind mag sie am Weiher füttern, das Landkind sieht sie am Flussufer unter einem umgefallenen Baumstamm auf dem Wasser treiben, halb im Schatten verborgen. Stockenten heißen sie wohl, weil sie gerne auf Baumstümpfen brüten, wo sie sich, getarnt durch die seitlich neu entstehenden Äste, die sogenannten Stockausschläge, sicher fühlen.

          Wer ihnen heute ins Gewässer eines der hübschen, auf einem Pfahl stehenden Entenhäuser baut, möge bitte nicht den Maschendraht unter dem Haus vergessen, der die Ratten am Hinaufklettern hindert. Viele Enten erreichen das Stadium des Dunenkükens gar nicht, weil das Gelege im April das Objekt der Begierde verschiedenster Räuber ist, ganz vorne der Rabenkrähe. Sie hackt ein großes Loch in die Schale und schlürft das Ei aus. Aber auch Wildschweine, Füchse, Waschbären, Marderartige, Igel, die erwähnten Ratten und große Raubfische halten sich an Enten in allen Entwicklungsstufen schadlos.

          Die Entenvögel selbst sind hingegen genügsam. Sie lieben tatsächlich die venezianische Lagune, aber sie gedeihen auch in Schleswig-Holstein. Kleine Gewässer, Tümpel, Weiher, Flüsse reichen ihnen, um die in und am Wasser lebenden Insekten und Amphibien zu erbeuten, die zusammen mit grünen Pflanzenteilen, Samen und Früchten ihre Nahrung bilden. Knöterich, Hahnenfuß, Wasserlinse, Wasserpest, Hornblatt, Tausendblatt, Igelkolben, Laichkräuter, Rohrpflanzgras, Simsen, Seggen, Binsen, Getreide, Ampfer, Birken, Erlen, Hainbuchen, Brombeeren, Eicheln und Hagebutten: So poetisch ihre Nahrung klingt, so friedlich wirkt das Tier selbst – süß, fast ein wenig banal.

          Das Interessanteste an ihnen ist ihr liebenswürdiges Balz- und Paarverhalten. Auf das Wildbret ist jedenfalls niemand so richtig versessen, denn die Wildenten sind erheblich muskulöser als ihre Hausgeschwister. Damit sie nicht zäh werden, muss man sich auf ihre Zubereitung wirklich verstehen. Sie zu jagen ist auch nicht ganz unaufwendig. Wer gesehen hat, wie ganze Gruppen von Jägern sich tarnendes Grünzeug auf den Kopf binden und sich in Kuhlen und hinter Stroh verstecken, weiß: Die Ente wirkt vielleicht doof, aber ihre Instinkte funktionieren. Die Arbeit bis zum Schuss ist äußerst anstrengend, Hemingways Jäger ist vom Staken schweißgebadet. Dann wiederum muss man zur Ruhe kommen, um antizipierend zu schießen: So mit der Flinte vor die Ente zielen, dass sie in den Schuss hineinfliegt. Das unaufgeregteste unter den deutschen Wildtieren ist weder vom Aussterben bedroht noch zu zahlreich. Neugestaltung und Erhaltung der Feuchtgebiete, sagt der Stockentenfachmann Peter Panzer, ist das wichtigste Instrument der Hege.

          Nicht nur das Grünzeug, das Enten fressen, trägt eines Jean Paul würdige Namen, auch die Geschwister der Stockente: Krickenten, Pfeifenten, Spießenten, Reiherenten, Tafelenten und Eiderenten. Doch zur Familie der Entenvögel, Anatidae, die unter die Ordnung der Gänseartigen (Anseriformes) zu rechnen ist, zählt neben der Unterfamilie der Enten – Anatinae, auch die Unterfamilie der Schwäne und Gänse – Anserinae.

          So kam es naturgemäß zu Auseinandersetzungen darüber, ob es Kannibalismus sei, wenn Donald Duck seiner Familie zu den Weihnachtsfeiertagen Gans serviert, was in verschiedenen Donald-Duck-Heften berichtet wird. Donaldisten von heute verneinen die Frage mehrheitlich und setzen Entenvögel (wieder) auf den Speiseplan. Begründung: Donald, Dagobert und die anderen Ducks sind Menschen. Sie sind keine Enten, und wenn der Wolf noch so laut „Entenbraten! Uahuahuahuah!“ schreit, während er auf Donald Jagd macht.

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