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Netflix-Serie „Dead to Me“ : Vergeben und vergessen will sie nicht

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Jen (Christina Applegate) hat gerade ihren Mann verloren. Nach einem gefühligen Selbsthilfeprogramm ist ihr nicht. Bild: Saeed Adyani / Netflix

In der Serie „Dead to Me“ reißt eine Witwe die vordergründigen Fassaden ewiger Selbstoptimierung ein und ist einfach nur wütend. Sie findet eine Seelenverwandte, und das ist aller Querelen Anfang.

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          Selbst der Tod ist heutzutage bloß Anlass zur Selbstoptimierung. Nicht der eigene, versteht sich, sonst hieße es ja „Wer immer strebend sich bemüht, der wird sich schon erlösen“. Aber der des geliebten Lebenspartners, sofern man die Trauer mit den richtigen „Tools“, etwa Selbstsuggestions-Podcasts, anpackt. Nun, es könnte einen schlimmer treffen, als im kalifornischen Laguna Beach Witwe zu sein, und zwar nicht mehr taufrisch, aber noch gutaussehend genug, sich wieder auf den Single-Markt der Möglichkeiten zu werfen, wie Jen (Christina Applegate) in der zehnteiligen Netflix-Serie „Dead to Me“. Die Villen sind in diesem Teil des Orange County sagenhaft teuer und gleichermaßen komfortabel, die Männer meistens spendabel, das Meer leuchtet unwirklich juwelenblau, und am Strand warten in einem verschwenderisch blumengeschmückten Pavillon regelmäßig die „Freunde des Himmels“ auf Freiwillige, die in der Selbsthilfegruppe das „F-Wort“ lernen wollen. Nicht das eine, das andere: „Forgiveness“ (Vergebung). Verständnis. Loslassen. Weitermachen, in erfüllter Weise. Zugewandt. Als beste Version ihrer selbst.

          Das Getue ist zum Speien. Jen rastet lieber aus wie eine hochexplosive Witwenzeitbombe. Traktiert Autofahrer mit dem einen „F-Wort“, sofern sie nicht die Windschutzscheibe ihrer Luxuskarren mit dem Golfschläger zertrümmert, beleidigt Kunden und Geschäftspartner. Seit drei Monaten ist ihr Ehemann Ted tot, wurde bei einem Autounfall mit Fahrerflucht aus seinem Bilderbuchfamilienleben gerissen.

          Die Polizei ist ratlos, verwertbare Spuren gab es am Tatort keine. Sohn Charlie (Sam McCarthy) kapselt sich pubertätsgemäß ab und vertickt an Mitschüler Opioide, die er Jens Albtraum-Schwiegermutter geklaut hat (sehr beunruhigend); Sohn Henry (Luke Roessler) redet mit einem Vogel, der Papis Reinkarnation sein soll (irgendwie süß, aber auch beunruhigend). Außerdem muss Jen als Top-Immobilienmaklerin weiter Häuser anpreisen, deren Wohnflächen kein Mensch braucht, und über Walnuss-Finishes und Countrystyle-Küchen reden, als ginge es um Fragen von existentieller Wichtigkeit. Sie war die Ernährerin der Familie, Teds Rolle war die des „Everybody’s Darling“, er wurde als Vollzeitvater und Nebenberufs-Musiker allseits bewundert. Nun als Mutter an vorderster Front der Begutachtung durch jedermann und jederfrau zu stehen, ist nicht gerade heilungsfördernd für Jen. Schlaflosigkeit treibt sie um, was sie mit Judy (Linda Cardellini) teilt, ihrer „Freunde des Himmels“-Zufallsbekanntschaft.

          Auch Judy hat ihren Mann verloren und scheint schwer durch den Wind, aber sie mag die gleichen Fernsehserien, ist hilfsbereit und vor allem alles andere als perfekt. Eine Seelenverwandte („I don’t know her, but I get her“). Jen wird Judys Halt und umgekehrt. Allerdings ist Steve (James Marsden), Judys selbstverliebter Verlobter, nicht gestorben, er hat sie nach der fünften Fehlgeburt wegen mangelnder Zukunftsperspektive verlassen. Im Traumhaus lebt er, wie Jen herausfindet, allein, Judy hat bloß ein übelriechendes Zimmer im Altenheim, in dem der greise Abe (Edward Asner) als Beschützer von Witwen und Waisen die emotionale Verteidigungsstellung hält. Jen, sonst misstrauisch bis zur Menschenfeindschaft, bietet Judy gleichwohl ihr Gartenhaus als Heim an. Bald klingelt abends die Polizei. Judy ist nicht, wer sie scheint, aber auch Jen hat ihre Leichen im Keller.

          Schein und Sein, Fassadenfamilien, Lebenslügen und das Treiben der Gefühlspolizei, echte Todesfälle und falsche Freunde: „Dead to Me“ erinnert an die Vorzeigefamilien aus der „Wisteria Lane“ in „Desperate Housewives“ von Marc Cherry. Anders als Anfang der zweitausender Jahre, in denen „Desperate Housewives“ beginnt, haben sich in der gallhumorigen Tragikomödie „Dead to Me“ die Parameter des Sagbaren („Framing“) inzwischen aber weiter verschoben. Zwang zu Selbstkontrolle und Achtsamkeit sind soziales Schmier- und Betäubungsmittel, wer trotzdem wütend wird, gehört durch verbales Verständnis niedergerungen. In dieser etwas anderen, ziemlich komischen Netflix-Familienserie von Liz Feldman, unter anderem von Will Ferrell und Christina Applegate, die ihre Fernsehvergangenheit als Al Bundys Tochter schon lange hinter sich gelassen hat, als ausführende Produzenten betreut, ist der Wortwitz mit Vorliebe ätzend, die Wirkung gleichwohl emotional berührend.

          Dass die Moral sich zu ihrem eigenen Vorteil geschmeidig machen kann wie ein Yoga-und-Pilates-gedehnter Muskel, macht die Serie zur Voraussetzung beständiger Abzweigungen und Kehrtwendungen der Geschichte, die vordergründig die Suche nach Teds Mörder darstellt, hintergründig aber austestet, wie Freundschaft in diesen unseren Zeitläuften zum Bollwerk und Kampfinstrument werden kann. Wer mag, sollte sich „Dead to Me“ im Original, gegebenenfalls mit Untertiteln, ansehen. Ansonsten entgeht einem viel vom schwarzen Witz der Serie.

          Dead to Me läuft bei Netflix.

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