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Sky-Serie „Gangs of London“ : Wo allein die Gewalt regiert

  • -Aktualisiert am

Verbündete: Sean Wallace (Joe Cole, rechts) und Elliot Finch (Sope Dirisu). Bild: Sky

In „Gangs of London“ kämpfen Clans um die Vorherrschaft in der Unterwelt. Jedes Mittel ist ihnen recht. In Großbritannien sorgte die Serie für einen Schock und war für Sky ein Publikumserfolg.

          3 Min.

          Nordwales, hinter der Grenze zu den englischen Midlands: Ein altes Farmhaus im grauen Schiefer der nahen Berge, meilenweit findet sich nichts als schmutziggrüne Hügel, ein Pub, weitverstreute Nachbarn. Unter der Falltür im Boden betreibt Evie (Caroline Lee Johnson) eine Patronenmanufaktur. Schienen führen zum Anleger für besondere Transporte. Alberts (Ioan Hefin) unauffälliges Boot bringt heiße Ware über die Irische See – Menschen, die spurlos verschwinden sollen. Wie Darren Edwards (Aled Ap Steffan), kaum zwanzig, schwitzend, verstört, und Mörder. Darrens Caravansiedlung wurde inzwischen gestürmt, verwüstet, mit fliegenden Propangasflaschen und einem Riesenfeuerball in die Luft gejagt. Das sind Szenen eines Kreuzzugs, der noch lange nicht vorbei ist. Aus dem Gewaltchaos entkommen sind nur ein verletztes Pferd und Darrens schwerverwundeter Vater Kinney (Mark Lewis Jones). Mit Partner Mal (Richard Harrington) will Kinney seinen Sohn in Sicherheit bringen. Überleben ist vorerst eine Frage des Willens, der Waffen und der Allianzen. Als ein weiteres Spezialkommando das Farmhaus stürmt, bricht das Inferno los. Ein Mann verbrennt im offenen Kamin. Sturm und Verteidigung schenken sich genauso wenig wie die direkte Kamera und auf die Gefahrenabwehr zielende Inszenierung dem Zuschauer.

          Beinahe die gesamte fünfte Folge präsentiert Serien-Mastermind Gareth Evans als außerordentlich stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie „Gangs of London“, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt. Mag in anderen Folgen auch entsetzlich gefoltert, mit Dartpfeilen, Äxten und sonstigen pervers zweckentfremdeten Werkzeugen menschliches Fleisch zerteilt werden, Evans selbst bleibt solch primitiverer horrorästhetischer Obszönität weitgehend fern. Die walisische Folge zeigt seine Ansicht der Kulmination des Schreckens von Gewalt und Gegengewalt auf beeindruckende Weise. Das ästhetische Konzept der Auslöschung verfeindeter Gruppen, dessen Schockwirkungen in Großbritannien zu Protesten bei der Medienaufsichtsbehörde führten, ist mindestens visuell stringent und lässt Serien wie die preisgekrönte „4 Blocks“ wie Teekränzchenpalaver aussehen.

          Bestialität ist in der britischen Sky-Serie „Gangs of London“ zwar allgegenwärtig, aber keineswegs einziges ästhetisches Programm. Im Grunde ist „Gangs of London“ zuallererst charaktergetriebenes Drama – und in den Hauptrollen großartig gespielt. Hemmungslose Gewalt ist die Antwort auf die Ermordung des Untergrundpatriarchen Finn Wallace (Colm Meaney). Zur Beerdigung erscheinen Businesspartner wie Ed Dumani (Lucian Msamati) und sein Sohn Alexander (Paapa Essiedu) oder Jevan Kapadia (Ray Panthaki). Jeder will sein Stück vom Londoner Kuchen. Die Witwe Marian Wallace (Michelle Fairley) ist nicht zu durchschauen. Finns Erbe Sean (Joe Cole) wird für ein kriminelles Leichtgewicht gehalten, bis – er in Elliot Finch (Sope Dirisu) bemerkenswerte Unterstützung findet.

          Nach und nach zeigt sich, dass Seans Aufforderung, die Geschäfte bis zur Ermittlung des Mörders ruhenzulassen, fatale Auswirkungen hat. Die Repräsentanten der geheimnisvollen „Investoren“ im Hintergrund sind aufgeschreckt, Jacob (Tim McInnerney) und Ms. Kane (Amanda Drew) ziehen ihrerseits Strippen. Der neu gewählte Londoner Bürgermeister kann sich nicht lange über sein Amt freuen. Jeder misstraut jedem, aber Sean misstraut seinem Unterstützer Elliot am meisten.

          Das ist die grobe Handlung, aber Bilder und Szenen erzählen in „Gangs of London“ oft mehr als diese, insbesondere, wenn sie auf Friedhöfen spielen. Sie deuten an, klagen an, kommentieren und konterkarieren, verstecken und entbergen in einem und machen so die Serie wesentlich komplexer, als es die Eingangsszene, in der ein mutmaßlicher Verräter als Fackel vom Hochhaus stürzt, zunächst vermuten lässt. In Großbritannien hat die mehr als neunstündige Gewaltabrechnung Sky den erfolgreichsten Serienstart eingebracht. Die zweite Staffel kommt. Zu Ende erzählt ist hier noch nichts.

          Gangs of London startet heute um 21.15 Uhr mit einer Doppelfolge auf Sky Atlantic.

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