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Neo Rauch in Leipzig : In einem Jahr mit sechzehn Bildern

Neo Rauch, „Die Loge“, 2020, Öl auf Leinwand, 300 mal 250 Zentimeter bei Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin. Bild: Uwe Walter, Berlin VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Neo Rauch präsentiert in der Leipziger Galerie eigen+art sein gesamtes Schaffen von 2020. Corona ist kein Thema, aber die Pandemie verschaffte ihm Freiheit.

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          Wie muss man sich das bisherige Jahr unter Corona-Bedingungen für einen Maler vorstellen? Einerseits wohl als überaus konzentriert, denn was lenkte ihn schon ab von der Arbeit im Atelier. Andererseits könnte er konsterniert sein, weil mit der Ablenkung auch ein Gutteil Inspiration fehlt. Insofern darf die Ausstellung von Neo Rauchs neuen Arbeiten in der Galerie eigen+art auf der Leipziger Baumwollspinnerei als Nagelprobe gelten: Viel berühmtere lebende Künstler haben wir nicht, und dass einer vom Range Neo Rauchs auf einen Schlag seine ganze Produktion eines Jahres vorstellt und zum Kauf anbietet (zu Preisen von 250.000 bis 1,1 Millionen Euro; eine mit 3600 Euro ausgewiesene Lithographie ist für nicht ganz so gut betuchte Menschen auch zu haben), das hat man – Corona hin oder her – lange nicht gesehen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Rauch selbst auch nicht; er hat sich persönlich rar gemacht, seit er vor sechs Jahren seine Professur an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst aufgab, um wieder ungestörter arbeiten zu können. Die gemeinsam mit seiner Frau Rosa Loy entworfenen Bühnenbilder für den Bayreuther „Lohengrin“ von 2018 lösten fast einhellig Begeisterung aus, aber ein Jahr später schlug die Auseinandersetzung um Vorwürfe des Kunstkritikers Wolfgang Ulrich, Rauch stehe politisch rechten Positionen nahe, hohe Wellen – allerdings auch wesentlich aufgewühlt durch den Maler selbst, als er auf diesen Angriff mit seinem skatologischen Bild „Der Anbräuner“ antwortete.

          Jetzt finden sich in den neuen Bildern einige Figuren mit Megafonen, und Rauch sagt in einem jüngst geführten Gespräch, das sich im Begleitband zur Galerieausstellung findet: „Also, wer zum Megafon greift, ist automatisch mein Feind, das gebe ich hier unumwunden zu Protokoll. Und es ist immer eine negative Figur.“ Die Verletzung ist ersichtlich immer noch tief. Umso erstaunlicher, dass der Künstler sich während des ganzen Eröffnungswochenendes in Leipzig für Gespräche mit dem herbeigeströmten Publikum zur Verfügung stellte.

          Wer zum Megafon greift

          „Handlauf“ lautet der Titel der Schau, die acht groß- und acht kleinformatige Bilder umfasst: in den Galerieräumen jeweils zu einem Siebenerensemble plus Störenfried arrangiert – in der ehemaligen Werkhalle stellt den das Kleinformat „Der Parlamentär“, im Schaudepot das Großformat „Die Mitte“, also just Bilder, die Bezeichnungen des Ausgleichs tragen. Wie prekär der Status von Rauchs Figuren ist, wird indes nicht nur durchs Vorhandensein von Antagonisten mit Megafonen deutlich: Gerade in „Die Mitte“ bemühen sich zwei auf den Basisflächen von Kegeln stehende Herren um eine höchst labile Balance. Die für Rauch typische, bisweilen geradezu surrealistische traumwandlerische Stimmung, eine Maxernsthaftigkeit, wie sie im Bilde steht, resultiert hier aus diesem porträtierten Unsicherheitsgefühl, das noch verstärkt wird durch die Körperproportionen einer im Mittelgrund hingelagerten Frau, die nicht nur in der Haltung auf „Goethe in der Campagna“ verweist: An diesen Beinen hätte Tischbein seinen Trost gehabt.

          Das unwirkliche Licht der Himmel verdankt sich gleich mehrfach den Visionen der Romantiker. Auf „Die Loge“ etwa fächert Rauch einen Strahlenkranz vor der Wolkendecke auf wie Caspar David Friedrich im Tetschener Altar, nur dass dort das Licht von unten kommt und irdische Vergänglichkeit versinnbildlicht, während Rauch eine veritable Erleuchtung bietet. Wobei seine Figurengruppe noch im Dunkeln steht und der zentrale Akteur eine Kinderpeitsche erhoben hat, wie wir sie aus Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“-Buch kennen: vom bösen Friederich. Ein Schelm, der sich bei diesem Namen etwas denkt.

          Der Entschluss, die Resultate eines ganzen Arbeitsjahres vorzustellen, war ursprünglich als eine Art Korrektiv zur vom Leipziger Museum der bildenden Künste geplanten Ausstellung mit dem Frühwerk von Neo Rauch anlässlich dessen sechzigsten Geburtstags gedacht. Dann blies der Künstler selbst diese Museumsschau ab; er fühlte sich nicht gut mit dem Fokus auf die Anfänge in den achtziger und frühen neunziger Jahren, doch die Verabredung mit seinem Galeristen Judy Lybke blieb bestehen. Dass Rauch dann weitaus mehr Zeit als gedacht fürs Malen haben würde – die Wiederaufnahme des Bayreuther „Lohengrins“, die wegen des dort üblichen Werkstattprinzips eine längere Anwesenheit Rauchs im Festspielhaus erfordert hätte, fiel coronabedingt aus, und auch die Leidenschaften des Malers für Theater- und Opernbesuche hatten für mehrere Monate keinen Gegenstand mehr –, war nicht absehbar. Sechzehn neue Bilder auf einmal, das hat es bei dem langsamen Maler Rauch, der alle in Arbeit befindlichen Bilder im Atelier um sich zu versammeln pflegt, um sie in Dialog miteinander zu bringen und dementsprechend laufend weiter zu überarbeiten, noch nicht gegeben.

          Die Präsentation ist das nachgereichte Fest zum Geburtstag, der im April hätte gefeiert werden sollen, aber über den runden Jahrestagen von Neo Rauch steht ein Unstern: Schon beim Fünfzigsten, der im Atelier auf der Baumwollspinnerei mit musikalischer Begleitung durch die mit dem Künstler befreundete amerikanische Rockband Calexico begangen wurde, fehlten viele ausländische Gäste, die wegen des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull nicht einfliegen konnten. Der Hype um Rauch hat sich seitdem etwas gelegt, die Bilder indes haben ihren Weg in die weltweit wichtigsten Museen für Gegenwartskunst gefunden. In ihnen artikuliert sich eine Zeiterfahrung, die durch die romantisch-biedermeierlichen Männer-, die modernen Frauenfiguren und die unwirkliche Phantastik der Staffage alle chronologischen Ebenen umfasst – diese Malerei hätte schon der Vergangenheit etwas gesagt, spricht heute zu uns von uns und wird in Zukunft noch einiges auszusagen haben. Ob gefällt, was dabei zur Sprache kommt, das liegt nicht in der Hand von Neo Rauch.

          Neo Rauch – Handlauf. In der Galerie eigen+art, Leipzig; bis zum 12. Dezember. Das Begleitbuch ist bei E.A. Seemann erschienen und kostet 36 Euro.

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