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Kunstlager : Hinter den Mauern von Constantine

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Vertreter des deutschen Kunst- und Auktionshandels halten die Novelle des Kulturgutschutzes für eine Katastrophe. Das hat auch einige deutsche Sammler kirre gemacht. Wer aber sind die Profiteure dieser Kampagne? Eine Ortsbesichtigung in London

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          In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs“, schrieb Gottfried Benn. Was der später als Schriftsteller berühmt gewordene Arzt als Gleichnis der Kulturferne formulierte, war auch bei uns zu Hause schnöde Realität. Allerdings versuchten meine Eltern, diesen Mangel durch Reisen zu kompensieren, auf denen ich lernen durfte, dass es in London reichlich Gainsboroughs zu sehen gibt. Überhaupt gibt es in London viel Kunst, und es wird täglich mehr. Zu sehen sind viele dieser Werke allerdings nicht. Den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit entzogen, lagern sie gut bewacht in klimatisierten Hallen, hinter hohen Mauern und Stacheldraht. Darunter sind auch Werke, die sich noch vor kurzem in Deutschland befanden.

          Am 4. November 2015 stimmte das Bundeskabinett dem Entwurf für eine Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes zu, inzwischen hat am 18. Februar auch die erste Lesung im Bundestag stattgefunden. Doch schon lange vor der Ratifizierung einer endgültigen Fassung hat die Gesetzesnovelle Wirkung gezeigt, wenngleich nicht die gewünschte. Deutsche Auktionshäuser, Kunsthändler und Galeristen reagierten scharf, und in ihrem Gefolge sind auch Sammler verunsichert. Der Grund dafür ist, dass die geplante Neufassung des Gesetzes für den Export von Kunstobjekten, die älter als siebzig Jahre sind und deren Wert über 300 000 Euro liegt, auch im Bereich des EU-Binnenmarkts eine staatliche Genehmigung erfordert. Begriffe wie „Kulturvertreibungsgesetz“ machen die Runde. Auch wenn solche starken Worte angesichts geordneter Besitzverhältnisse nicht nachvollziehbar sind, haben inzwischen zahlreiche Werke - auch jenseits dieser Kriterien - in aller Stille Deutschland verlassen. Wer also profitiert jetzt davon?

          Konservatorisch ideale Bedingungen

          Es profitieren zunächst die Speditionen, die solche Transporte abwickeln. Und es profitieren die Betreiber von auf Kunst spezialisierten Lagern im europäischen Ausland. Diese Logistikbranchen florieren schon, seit sich die Preise am internationalen Kunstmarkt sprunghaft entwickelt haben. Immer mehr Geld wird in Kunstwerke investiert, die längst nicht mehr dem Zweck sammlerischer Leidenschaft oder privater Repräsentation dienen, sondern als Anlage- und Spekulationsobjekte, die es möglichst effizient und sicher aufzubewahren gilt.

          Die internationalen Auktionshäuser, allen voran Christie’s und Sotheby’s, erkannten da ihre Chance. Ihr Service beschränkt sich längst nicht mehr auf den Verkauf von Kunst, deren Abholung und Lieferung. Zur umfassenden Beratung ist die Unterstützung bei der Verwaltung von Sammlungen und deren Lagerung getreten. Zwar erzielt deutsche Kunst, besonders des zwanzigsten Jahrhunderts, fraglos schon länger höhere Preise in London als in Köln, Berlin oder München. Weshalb übrigens Christie’s und dann auch Sotheby’s bereits in den neunziger Jahren vorübergehend Auktionen eigens für deutsche Kunst eingerichtet hatten. Aber der hiesige Aufruhr um die geplante Gesetzesnovelle ist dem Geschäftszweig unbedingt zuträglich. Das gilt offenbar auch für Werke, die keineswegs Gefahr laufen könnten, auf die nationale Liste wertvollen Kulturguts eingetragen zu werden, damit also an der Ausfuhr gehindert wären.

          Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für dieses lohnende Geschäftsfeld ist die Londoner Firma Constantine. Sie kann auf eine Geschichte von mehr als 130 Jahren zurückblicken. Die einstige Reederei hat inzwischen auch eine Logistik-Sparte aufgebaut, die seit 2005 im Bereich der Kunst enorm ausgebaut wurde. So wurden im Londoner Stadtteil South Bermondsey zwei neue Hallen errichtet. Den Kunden werden dort nicht nur die konservatorisch idealen Bedingungen für die alterungsbeständige Lagerung ihrer Werke offeriert, sondern auch deren Sicherung gegen Einbruch und Raub. Man könnte das „Sicherung von Kulturgut“ nennen, wäre dieser Begriff nicht schon anders belegt.

          Blick hinter die hohen Mauern

          Zu den Kunden von Constantine zählt, neben öffentlichen und privaten Museen, Kunst- und Antiquitätenhändlern und eben einer ungenannten Zahl von privaten Sammlern und Investoren, auch die englische Königin. Im Jahr 2011 wurde die Firma in den Stand eines Königlichen Hoflieferanten erhoben. Das ist genauso wenig ein Geheimnis wie die Geschäftsberichte der Firma, die in ihrer Kunst-Sparte inzwischen neunzig Mitarbeiter beschäftigt. Die wachsende Anzahl der Angestellten und der steigende Umsatz vermitteln einen deutlichen Eindruck von einem wachsenden Markt, auf dem Constantine schon im Jahr 2000 immerhin zwei Millionen Pfund umsetzte. Im Jahr 2015 belief sich der Jahresumsatz bereits auf sechzehn Millionen Pfund, Tendenz steigend.

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