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„DAU“-Projekt : Ein Trip ins Totalitäre

Szenenbild aus dem Langzeit-Filmprojekt „DAU“ Bild: 55164729 © Sergey Maximishin /

In Paris probt man für die Premiere des Kunstprojekts „DAU“, das in Berlin nicht zur Aufführung kommen konnte. Ausgewiesene Künstler und Wissenschaftler sind eingebunden. Was erwartet die Besucher?

          In Berlin, wo Unter den Linden eine Mauer gebaut werden und am 9. November fallen sollte, verweigerten die Behörden die Bewilligung. Damit wird die zweite Etappe des „DAU“-Projekts in Paris, so sie denn stattfinden kann, zu seiner spektakulären Weltpremiere. Im Théâtre de la Ville, dem gleich gegenüber liegenden Théâtre du Châtelet und dem Centre Beaubourg für das Begleitprogramm soll es geschehen. Der Abschluss des Triptychons „Liberté-Egalité-Fraternité“ ist weiterhin in London geplant. Auch in Berlin will man die „Freiheit“ nicht endgültig begraben.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der russische Filmemacher Ilya Khrzhanovsky hatte im ukrainischen Charkiw das Moskauer Institut des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau – deshalb die Chiffre DAU – nachgebaut: „Zwischen 2009 und 2011 haben mehrere hundert Menschen ihren Alltag verlassen, um im Institut zu arbeiten und zu leben. Sie unterwarfen sich strengen Regeln. Es waren Wissenschaftler, Künstler, Philosophen aus der ganzen Welt, aber auch Straßenfeger, Serviererinnen, Postbeamte und Geheimpolizisten.“ Es wurde gelebt und geforscht wie in den dreißiger Jahren. Das Kameraauge war Jürgen Jürges, der mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Michael Haneke gearbeitet hat. Jürges erzählte, dass das Drehbuch geschlossen und nur noch das reale Leben in der Irrealität gefilmt wurde: Big Brother bei Stalin. Die Montage dauerte Jahre. Dreizehn Filme und Dutzende von Serien sind entstanden.

          Visum auf der Webseite beantragen

          In Paris werden die Vorbereitungen unter systematischer Geheimhaltung vorangetrieben. Selbst auf den Websites der beteiligten Institutionen finden sich keinerlei Hinweise. Auch die „DAU“-Kommunikation erinnert an sowjetische Zeiten. Wie ein Samisdat liest sich ein Blog-Eintrag von Michel-Edouard Leclerc, der in Frankreich eine Discount-Supermarkt-Kette betreibt, die so bekannt ist wie in Deutschland Aldi. Leclerc konnte offensichtlich die Schauplätze besuchen und Ilya Khrzhanovsky treffen: „Sein Experiment an den Grenzen zwischen Kunst und Politik sprengt alles.“

          Die Pressestelle des Châtelet-Theaters verweist an ein „Bureaujigsaw“, das sich als „Agent und Architekt von Generationen, Revolutionen, Gesellschaften“ bezeichnet. Das „Bureau“ schickt ein Dossier. Eine Auskunftsperson beteuert am Telefon, alle Bewilligungen seien vorhanden, auch die Polizei habe ihren Segen erteilt. Auf den Bau einer Mauer wird verzichtet, über den Châtelet-Platz hinweg ist eine Metallkonstruktion geplant, die beide Theater verbinden und in der Nacht vor dem Beginn hochgezogen werden soll. Die Unterstützung für das Projekt DAU, das „die Kultur auf Jahrzehnte hinaus prägen wird“, sei gewaltig. Eine „völlig neue Reise durch Raum und Zeit“ wird versprochen: Eine „Immersion in die Sowjetunion zwischen 1938 und 1968“ rund um ein „künstlerisches, filmisches Epos, das die Beziehung zwischen Werk und Publikum radikal verändern wird“.

          Die Mauerteile für das Berliner „DAU“-Projekt waren bereit für ihren Auftritt. In der deutschen Haupstadt konnte der Auftakt von „DAU“ jedoch nicht stattfinden.

          Khrzhanovskys Filme, die noch nie öffentlich gezeigt wurden, werden im Originalton abgespielt. Renommierte Schauspieler konnten für die Zusammenfassungen gewonnen werden: Gérard Depardieu und Isabelle Huppert für die französische, Iris Berben, Hanna Schygulla sowie Barbara Sukowa für die deutsche Version. Ausgewiesene Künstler, Wissenschaftler, Musiker sind in die Performance eingebunden. Man kann sich vorstellen, dass die Kulissen Lew Landaus Moskauer Institut evozieren, in dem „poetische Lebensformen“ geprobt worden seien. „Verändert“ werde der Besucher aus seiner „Immersion“ hervorgehen.

          Für den Trip in den Totalitarismus wird ein Visum verlangt. Das Antragsformular für die Reise zwischen Nostalgie und Avantgarde enthält Fragen nach „psychometrischen“ Details. Jedem Besucher wird nach seinen Angaben ein von Algorithmen erstelltes individuelles Programm vorgegeben. Er bekommt ein Navigationsgerät, das ihn durch seine „DAU“-Odyssee lotst. Sein Handy muss er zu Hause lassen. Verschiedene zeitliche Varianten sind vorgesehen. Der Parcours ist 24 Stunden pro Tag offen, drei- bis vierhundert Besucher kann er gleichzeitig absorbieren, nicht alle Variationen sind jugendfrei. Zum Abschluss seines Parcours muss der Besucher einem „Auditor“ Rede und Antwort stehen. Die Verhöre werden von echten Priestern, Psychologen, Polizisten, Imamen geführt. Einen Monat soll das Experiment dauern, der Start musste vom 17. auf den 24. Januar verschoben werden. Der Untergrund des Châtelet ist ein U-Bahn-Knotenpunkt, die Terror-Bekämpfung besteht auf Pufferzonen, die im Projekt nicht vorgesehen sind. „DAU wird stattfinden“, versichert unsere Auskunftsperson. Der Vorverkauf jedenfalls hat begonnen, die Anträge für ein Visum können auf dau.com eingereicht werden.

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