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Vitra Design Museum : Purer Wohnsinn

  • -Aktualisiert am

Lina Bo Bardi, Casa de Vidro, São Paulo (1951) Bild: Nelson Kon

Früher war mehr Lebensprojekt: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich der Wohnkultur: Eine Reise durch hundert Jahre „Home Stories“.

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          Spätestens seitdem es Breitband-Internetzugang in fast jeder Behausung gibt, ist das „Wohnen“ in eine Krise geraten: Während das Wohnzimmer – weil junge Leute kaum mehr fernsehen – seine Bedeutung als Medien-Raum verloren hat, wird vermehrt im Bett liegend am Laptop geschaut, gelebt und gearbeitet. Der Saugroboter zieht derweil einsam seine Runden, der Bewegungsmelder schaltet das Licht aus, und Alexa hat einen Boten bestellt, der warme Speisen aus dem benachbarten Restaurant bringt, das sich für einkehrende Gäste seit dem Aufkommen der Lieferdienste nicht mehr interessiert. In freien Momenten bringt die Online-Kurzzeitvermietung der Wohnung einen willkommenen Mietzuschuss zur teuren Kleinwohnung.

          Für die möglichst attraktiven Anzeigenfotos darf die Wohnung nicht zu individuell sein. Die Erb-Möbel sind einstweilen im „Self-Storage“-Container eingelagert, und Freunde trifft man im Café, das wohnzimmerartig warm gestaltet ist. Gekocht wird nur noch im Fernsehen. Billigflüge und Sharing-Plattform erlauben jederzeit günstige Eskapaden. Der Arbeitsplatz ist im Gegenzug wohnlich geworden, mit Sofa und Holzmöbeln ausgestattet und lässt die vielen Überstunden vergessen, die nach dem abendlichen Pizza-Essen mit Kollegen noch anfallen. Die Lage der Wohnung ist entscheidender als ihre Ausstattung. Mit schicken Eames-Möbeln lässt sich nicht mehr angeben.

          Etwa siebenundachtzig Prozent ihrer Lebenszeit verbringen Europäer in Interieurs, einen ernsthaften Diskurs über Wohn- und Einrichtungskultur gibt es dennoch nicht. Das möchte das Vitra Design Museum in Weil am Rhein ändern und lässt in einer Tour d’Horizon hundert Jahre Wohnkultur in einer ambitionierten Ausstellung Revue passieren.

          Noritaka Minami, A504 I (Nakagin Capsule Tower), Tokio (2012)
          Noritaka Minami, A504 I (Nakagin Capsule Tower), Tokio (2012) : Bild: Noritaka Minami

          Neben gut kanonisierten Höhepunkten der großbürgerlichen Wohnkultur wie den Villen von Ludwig Mies van der Rohe, Adolf Loos oder Josef Frank vom Anfang des Jahrhunderts haben die Kuratoren einige interessante Überraschungen entdeckt: Das Verschwinden der Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben führen die Kuratoren beispielsweise auf die Loftwohnung zurück, wie Andy Warhol sie mit seiner legendären Silver Factory 1967 in New York ersonnen hat. Zur gleichen Zeit experimentierte in Paris Claude Parent mit dem „vivre à l’oblique“, dem Leben auf und im Schrägen. Seine Wohnung in Neuilly-sur-Seine stattete Parent durchgehend mit schrägen Ebenen aus, die als Sitzgelegenheiten, zum Essen, Arbeiten und als Liegen gleichzeitig genutzt wurden.

          Interieur spiegelt Wandel

          Die gesellschaftlichen, politischen und natürlich auch technischen Veränderungen der letzten hundert Jahre spiegeln sich im privaten Interieur. Die Veranschaulichung der Umbrüche anhand von zwanzig Beispielen, wie die Schau sie wagt, kulminiert in Arno Brandlhubers „Anti-Villa“ bei Potsdam von 2014, die zeigt, dass zum Umbau einer ehemaligen Fabrik zum Wohnraum heute schlichte textile Raumteiler und Secondhandmöbel genügen können.

          Auch quietschbunte Kleider auf schiefer Ebene von Maison Parent (1973/74) sind Teil der Ausstellung.
          Auch quietschbunte Kleider auf schiefer Ebene von Maison Parent (1973/74) sind Teil der Ausstellung. : Bild: bpk/CNAC-MNAM/Ehrmann; VG Bild-Kunst, Bonn 2020

          Vom „heroischen“, aber auch übergriffigen Gestalter, der Rezepte für ein „schöneres Wohnen“ verteilt, sind derlei Projekte meilenweit entfernt. Unwillkürlich komisch wirkt in der Schau der direkte Vergleich des „Hauses der Zukunft“, das die beiden britischen Architekten Peter und Alison Smithson für die Londoner „Ideal Home Exhibition“ 1956 mit neuesten Materialien, Küchengeräten und selbstreinigendem Bad entwarfen, und Jacques Tatis Villa Arpel in dem Film „Mon Oncle“ von 1958, einer aseptischen und eigenmächtigen Wohnmaschine, die sich ihre Bewohner gefügig macht. Diese Vorstellung von modernem Wohnen ist unwiderruflich passé, sie wird als bourgeoises Korsett verstanden. Innenarchitektur als elitäres Zubehör der sozialen Repräsentation wird von Gestaltungen abgelöst, deren alleiniges Ziel es ist, Wohlgefühl zu befördern, und die allein vom Nötigen und Erhältlichen ausgehen. Zeitgenössische Innenraumgestaltungen befreien von Nippes, Hausarbeit und Konvention zugleich.

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