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Kultur in Österreich : Was wird aus den Festspielen?

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Aus heutiger Sicht schwer vorstellbare Menschenmassen: So sah es beim Auftakt zu den Salzburger Festspielen 2019 aus. Bild: dpa

Österreichs Kultur befindet sich in höchster Not. Theaterproben können unter den aktuellen Bedingungen schwer stattfinden. Auch das Hundertjahrjubiläum der Festspiele in Salzburg könnte ausfallen.

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          Im Stehen nicht, im Sitzen vielleicht schon. Wie bitte? Was die bislang so rasch und besonnen auf die Corona-Pandemie reagierende österreichische Bundesregierung kürzlich verkündete, richtet eher Verwirrung an, als klärend zu wirken: Große Veranstaltungen und Festivals bis zum 31. August, erklärte Österreichs Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler (Die Grünen) in einer Pressekonferenz, müssen abgesagt werden, sofern das Publikum – auch bei Outdoor-Events – eng beieinander stehe. Große Indoor-Kulturveranstaltungen hingegen, die unter Einhaltung des verordneten Mindestabstands von einem Meter im Sitzen wahrgenommen werden, könnten vielleicht am 15. Mai freigegeben werden.

          Wer immer das Gedrängel bei den Salzburger oder Bregenzer Festspielen vor und nach den Vorstellungen erlebt hat, kann über diese Verordnung nur staunen. Es würde vermutlich Stunden dauern, bis unter Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen das mit Atemschutzmasken ausgerüstete Publikum auf der mit siebentausend Sitzplätzen ausgestatteten Tribüne der Bregenzer Seebühne Platz genommen hätte. Ein groteskes Szenario, das derzeit ohnehin nicht vorstellbar ist, da aufgrund der geltenden Reisebestimmungen ausländische Besucher nicht anreisen dürften. Allein Deutsche kaufen in Bregenz rund sechzig Prozent und in Salzburg mehr als vierzig Prozent aller Tickets.

          Verkleinertes Festival im August?

          Beflügelt wurden diese Maßnahmen also wohl von dem Wunsch, Zeit zu gewinnen und nach der Absage der Oster- und Pfingstfestspiele auf das Wunder zu hoffen, dass sich das Coronavirus noch rechtzeitig vor dem Hundertjahrjubiläum der Salzburger Festspiele verziehen möge. Der Ausfall der beiden großen Sommerfestivals würde Österreich nämlich auch wirtschaftlich treffen: Die Wertschöpfung allein der Salzburger Festspiele wird auf jährlich über zweihundert Millionen Euro beziffert; beide Festivals zusammen zählen pro Saison rund eine halbe Million Besucher. Und schließlich ist auch der Saisonstart der Theater in Gefahr, die üblicherweise schon vor dem Sommer zu proben beginnen. Allein die österreichischen Bundestheater, also die Wiener Staats- und Volksoper sowie das Burgtheater, verlieren durch die bereits beschlossene Schließung bis 30. Juni rund zwanzig Millionen Euro. Von kleineren Theatern und deren meist völlig frei arbeitenden KünstlerInnen, die vor dem Ruin stehen, ganz zu schweigen.

          Vor diesem Hintergrund ist auch eine weitere merkwürdige Maßnahme zu verstehen, die Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek (Die Grünen) erläuterte: Einzelproben seien bereits vom 18.Mai an erlaubt, vom 1. Juni an dann auch Ensembleproben, sofern der Mindestabstand eingehalten würde. Wie? Kusshändchen statt einer heißen Liebesszene? Orchester, die wohl im Zuschauerraum spielen müssten? „Es gibt kein Theater mit Abstandsregeln“, meinte Herbert Föttinger, der Direktor des Theaters in der Josefstadt, in einer ersten Reaktion im ORF. „Solange diese Regeln aufrecht sind, kann kein Theater probieren.“

          Nur Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler will davon nichts wissen, obwohl große internationale Festivals wie die Bayreuther Festspiele, die Festivals von Aix-en-Provence und Avignon oder die Edinburgh Festivals längst abgesagt wurden. „Wir halten nichts von überhastetem Vorgehen und Hyperventilationen“, spielte Rabl-Stadler das Ausmaß der Pandemie in der Wiener „Kronenzeitung“ herunter. Um wenig später den wahren Hintergrund für das Festhalten am 30. Mai als Stichtag für eine Absage zu nennen: Würde die Regierung Festivals per Dekret am 15. Mai verbieten, dann könnten die Festspiele für die Auflösung der meisten bestehenden Verträge nicht mehr haftbar gemacht werden. Keine noble Geste des Nobelfestivals gegenüber seinen KünstlerInnen und den vielen, eigens für den Sommerbetrieb engagierten freien MitarbeiterInnen.

          Insofern mag stimmen, was jüngst im Wiener „Kurier“ stand: dass die Festspielführung längst an einem verkleinerten, erst Mitte August beginnenden Festival arbeite. Würden die Konzerte mit kleineren Formationen aus dem Kreis der Wiener Philharmoniker dem sonst in der Minderheit befindlichen heimischen Publikum zu landesüblichen Ticketpreisen angeboten, dann wäre dies ein würdiges Jubiläum.

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