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Erster PEN-Kongress in Berlin : Lametta in Kreuzberg

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Autor und Präsident Pen America kam für den Kongress nach Berlin: Ayad Akhtar Bild: picture alliance / Robert Newald

Weiblich, migrantisch, jung: Der neue PEN Berlin lädt zur Diskussion und erklärt die Meinungsfreiheit zur Hauptdarstellerin dieser ersten öffentlichen Werkstatt.

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          Ein Ende kann es vorerst nicht geben, wo doch gerade alles erst angefangen hat. Und so gingen sie zum Schluss ins Offene, vorläufig, mit „Angry Pop Music“ aus Münster. Draußen breitete die Meinungsfreiheit als „Kanarienvogel im Schacht der Demokratie“ die Flügel über dem Festsaal Kreuzberg aus. Alles noch mal gut gegangen! Eisige Kälte drang in die Ritzen der backsteinernen Uferbebauung von Spree und Landwehrkanal. Muff Potter hatte am Freitag den ersten PEN Berlin Kongress mit einem Konzert gekrönt. „Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen, ist die Welt zu ändern“, heißt ein Song von ihrer neuen Platte. Und genau das hatten sich die Gründungsmitglieder des PEN Berlin, Deniz Yücel und Eva Menasse, auf die Fahnen geschrieben, als sie die Meinungsfreiheit zur Hauptdarstellerin ihres ersten öffentlichen Firmenberichts machten.

          Wie der Kanarienvogel das gefährliche, weil geruchlose Kohlenmonoxid im Stollen als erster bemerkt, so sei die Meinungsfreiheit als erste von antidemokratischen Tendenzen betroffen. Anders als der Kanarienvogel fällt sie nicht gleich tot von der Stange, sondern muss sich mit sich selbst beraten. Bedeutung, Sinn, Wahrheit: Eckpfeiler des kritischen Denkens, die zunehmend Risse aufweisen – Risse im Fundament der Meinungsbildung. Mit dem Befund, auch in den westlichen Demokratien sei die Meinungsfreiheit mitunter in lähmende Atmosphären geraten, spannten die Veranstalter einen Bogen von ihrer Begrüßungsansprache bis hin zur fulminanten Schlussrede des PEN America Präsidenten Ayad Akhtar, der den „intellektuellen Tribalismus“ von Fahnenträgern der Identitätspolitik geißelte. Eine verunglückte Diskussion dürfe nie ein Endpunkt sein, sagte Eva Menasse in Anspielung auf die desaströse letzte Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums in Gotha, die mit Deniz Yücels Austritt aus einer „Bratwurstbude“ und der Berliner PEN-Neugründung mit inzwischen gut fünfhundert Mitgliedern („Konkurrenz belebt das Geschäft!“) geendet hatte.

          Der neue PEN ist dem alten in seiner Satzung zum Verwechseln ähnlich, aber er sei jünger, weiblicher, migrantischer geworden, sagte Eva Menasse. Davon konnte man sich am Freitag überzeugen. Mit attraktiver Selbstverständlichkeit diskutierte in Kreuzberg der Israeli Tomer Gardi in seinem inzwischen preisgekrönten Broken German auf einem Podium über „Gewalt, Erinnerung, Literatur“ mit den Autorinnen Khuê Pham, Meral Şimşek und Ursula Krechel. Khuê Pham, Jahrgang 1982, stammt aus einer Familie, die durch den Vietnamkrieg so schwer traumatisiert wurde, dass sie über das Erlebte kaum sprechen konnte, erst der in Deutschland geborenen Tochter sollte dies gelingen: „Wasserverdrängen, das führt zu Wellen.“ Die Kurdin Meral Şimşek hat sich gerade mithilfe des PEN Berlin ihrer Verfolgung in der Türkei durch Flucht nach Deutschland entzogen. Und die 1947 geborene Ursula Krechel wiederum beschäftigt sich in ihrem vielfach ausgezeichneten Werk immer wieder mit dem unheimlichen Nachleben des Faschismus in der Nachkriegszeit.

          Gastgeber dieser Gesprächsrunde über literarische Erinnerungskulturen war Michel Friedman, der selbst gerade ein autobiografisches Buch veröffentlicht hat, worin er seine Rolle als Kind von Holocaustüberlebenden reflektiert: „Ich bin auf einem Friedhof geboren. Meine Eltern waren die Friedhofswärter, ich ihr jüngster Lehrling.“ Gewalterinnerung als Weitererzählung hinterlegt in Literatur: Es war ausgerechnet der Jude Tomer Gardi, der als Replik auf Friedmans Beschwörung des literarischen Beweismittelspeichers für spätere moralische Prozesse die Vision vertrat, alles könne auch anders gedeihen. In einer literarischen Landschaft zum Beispiel, in der die Opferrolle „weniger begehrt“ sei beim Publikum.

          In Deutschland lebende Intellektuelle aller Herkünfte

          Der PEN Berlin hat sich bei seiner ersten Werkstadtbegehung von einer sympathisch engagierten und anregend diskussionsfreudigen Seite gezeigt. Wer sich ein wenig unter den Spot Lights sowie in den toten Winkeln des Konzertsaals umgesehen hat, wird festgestellt haben, dass der PEN Berlin als Trotzreaktion auf den Darmstädter Alt-Verein vollkommen unzureichend beschrieben ist. Am Freitag hatte die in Kreuzberg versammelte Truppe aus Journalisten und Journalistinnen, Autoren und Autorinnen ihren ganz eigenen Lametta-Effekt. In Deutschland lebende Intellektuelle aller Herkünfte, Hautfarben, Geschlechter, Alter und Stilrichtungen konnten sich in der Berliner Subkultur und auf dem Boden ihrer autobiografischen Tatsachen, die oft mit Migration zu tun haben, begegnen. Zusammen gaben sie ein stimmiges Bild ab – an einem kalten Dezembertag 2022, in einer zugigen Konzerthalle, in der das globalisierte literarische Berlin aufspielte.

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