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Zaimoglus Klagenfurter Rede : Maulcheck

  • -Aktualisiert am

Feridun Zaimoglus Rede zur Literatur eröffnet die Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF Theater in Klagenfurt. Bild: ORF/ORF- K/Puch Johannes

Manchmal wirkte er wie Samuel Jackson in „Pulp Fiction“, der den Zorn des alttestamentlichen Gottes heraufbeschwört, bevor er seine Feinde niedermäht: Feridun Zaimoglu eröffnet den Bachmannpreis-Wettbewerb mit einer Predigt.

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          Der Zaimoglu-Sound: Das ist seit je ein mit Neologismen oder fast vergessenen Ausdrücken aus der Tiefe der Wörterbücher liebäugelnder Sound. Besonders in den öffentlichen Äußerungen des Schriftstellers Feridun Zaimoglu ist es auch ein Sound der Derbheit und des groben Keils. „Mauldreck“ etwa nennt er gern, was gewisse Menschen produzieren – so nun auch in seiner Eröffnungsrede zu den Klagenfurter Literatur-Tagen: „Man kann seinem Wunsch, Mauldreck von sich zu geben, in einer Bierschänke entsprechen.“

          Stammtischgerede sieht Zaimoglu aber nunmehr überall, und das veranlasste ihn zu einem Rundumschlag gegen Xenophobie, patriarchalische Männerbilder und Frauenrollen, gegen alles, was er als irgendwie „rechts“ empfindet: „Die Rechten verstehen sich als unbewaffnete Bürgerwehr. Sie möchten die Plätze säubern von unverträglichen Elementen ihrer Idylle. Ist mein Hass gegen die johlende Rotte eine ungesunde Regung?“

          Das gedruckte Wort gibt allerdings nicht hinreichend wieder, wie Zaimoglu in Klagenfurt wirkte: Er verlas die ganze Rede in einem theatralisch raunenden Ton, der womöglich auch eine bewusste Übertreibung und somit Brechung suggerierte. Viele rieben sich am Eröffnungsabend des Bachmannpreis-Wettbewerbs an seinem Predigergestus, der noch seinem jüngsten Roman „Evangelio“ geschuldet sein mag, wobei es das allein nicht trifft: Manchmal wirkte Zaimoglu eher wie Samuel Jackson in „Pulp Fiction“, der den Zorn des alttestamentlichen Gottes heraufbeschwört, bevor er seine Feinde niedermäht. Die Rede mündete in eine Kampfansage und in das Fazit: „Es gibt keine redlichen rechten Intellektuellen. Es gibt keine redlichen rechten Schriftsteller.“

          Klarheit mit Zug zum Pathos

          Solange man annehmen muss, dass Zaimoglu, wie aus seinen Interviews hervorgeht, keinen nennenswerten Unterschied zwischen gewissen Neonazis und angeblichen „Rechten“ wie Rüdiger Safranski macht, ist mit solchen Sätzen allerdings nichts erreicht außer einer Selbstvergewisserung, die, mit einem ähnlich groben Gegenbegriff, als „linkes Gutmenschentum“ bezeichnet wird.

          Im ORF-Studio beim Literaturpreis mag man sich über diese Tirade gewundert haben, denn ihre Adressaten sitzen woanders. Aber es gibt sie, und die Art und Weise, wie Zaimoglu vor allem an ihr Gewissen gegenüber den Armen, den Obdachlosen und Vertriebenen appellierte, hatte dann doch fast biblische Kraft. Trotz einiger prekärer Sprachbilder („Peniskrieger in den Ghettos“, „dumme Orientalen“) erreichte der Autor mitunter auch die manchen Ingeborg-Bachmann-Zitaten eignende Klarheit mit Zug zum Pathos: „Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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