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Buch „Future of Immortality“ : In Russland ist Unsterblichkeit eine Frage der Solidarität

  • -Aktualisiert am

Warten auf die Wiederbelebung: Tanks eines Kryonik-Anbieters Bild: Picture-Alliance

Tiefgefrorene Leichname und Hologrammkörper: Anya Bernstein untersucht in „The Future of Immortality“, wie Russland mit Unsterblichkeitsprojekten den Westen überholen will.

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          Wenn es eine Konstante in der russischen Kulturgeschichte gibt, dann ist es die Ablehnung des Todes. Gerade weil das Leben in Russland gesteigerte Anforderungen an die Menschen stellt, tritt der Skandal des Sterbens besonders deutlich hervor. Am Ende des 18. Jahrhunderts verfasste der Aufklärer Alexander Radischtschew den Traktat „Über den Menschen, seine Sterblichkeit und seine Unsterblichkeit“. Der Philosoph Nikolaj Fjodorow widmete sein ganzes Leben dem Kampf gegen den Tod. In seiner „Philosophie des gemeinsamen Werks“ rief er zur Vereinigung der Menschheit und zur biotechnologischen Auferweckung der verstorbenen Väter auf.

          Fjodorows Zeitgenossen Dostojewski und Tolstoi waren beeindruckt vom weit ausgreifenden Furor des asketischen Denkers, dem es nicht um das eigene Überleben, sondern um die Rettung der früheren Generationen und ihrer Lebensarbeit ging. Fjodorow war tief religiös und glaubte, dass Gott selbst die Menschheit mit dem Kampf gegen die blind wütende Natur beauftragt habe. Auch die zeitgenössische Medizin beschäftigte sich mit Fjodorows Problem. Ilja Metschnikow (1845–1916) gilt als Vater der russischen Gerontologie und wurde für seine Erkenntnisse sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

          Er bezeichnete das Altern als Krankheit, die behandelt werden könne. Eine seiner Theorien lautete, dass der körperliche Verfall durch die schädliche Darmflora beschleunigt werde. Dieser Prozess könne gebremst werden, indem man dem Verdauungstrakt nützliche Joghurt-Bakterien zuführe. Diese Annahme sah er bestätigt durch das hohe Lebensalter bulgarischer Bauern, die oft Sauermilch tranken. Nikolaj Fjodorow nahm Metschnikows Arbeit mit Genugtuung zur Kenntnis und erkannte in ihm einen Mitstreiter gegen den Tod.

          Der grenzenlose Mensch

          Nach der Machtergreifung der Bolschewiki erhielt dieser Kampf gegen den Tod eine neue ideologische Rechtfertigung. Die Sowjetmacht räumte den Himmel leer, entlarvte die Religion als bürgerliches Ausbeutungsinstrument und wollte das Paradies auf Erden schaffen. Der Biokosmist Alexander Swjatogor denunzierte den Tod in einem Manifest aus dem Jahr 1922 als „logisch absurd, ethisch inakzeptabel und ästhetisch hässlich“.

          Anya Bernstein: The Future of Immortality. Remaking Life and Death in Contemporary Russia. Erschienen bei Princeton University Press, Princeton 2019. 296 Seiten, geb., 21,– €.

          Die dreifache Ablehnung des Todes ließ die Biokosmisten davon träumen, den Menschen nicht nur aus den alten ökonomischen Zwängen zu befreien, sondern alle Grenzen von Zeit und Raum zu sprengen. Der Mensch sollte die Zeit selbst beherrschen und sich frei im Kosmos bewegen. Zwar blieb das Utopie, aber immerhin gelang es der Sowjetunion, mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins Weltall und zurück zu bringen. Die Sozialanthropologin Anya Bernstein aus Harvard hat nun ein lesenswertes Buch vorgelegt, in dem sie das Fortleben solcher Phantasien der Todesbewältigung in der russischen Gegenwartskultur nachzeichnet. Bis heute verfügt Fjodorow in Moskau über eine Fangemeinde, die sich regelmäßig zu Diskussionsveranstaltungen trifft.

          Dabei steht jedoch nicht so sehr der biotechnologische Aspekt der Auferweckung der Toten im Vordergrund, sondern die Bildung einer Solidargemeinschaft von Sterblichen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Bernstein macht neben dieser sozialphilosophisch ausgerichteten Gruppe noch andere Todesbekämpfer in Russland aus.

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