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Farbe, Punkt, Strich: Der Comic „Die Farbe der Dinge“ von Martin Panchaud. Bild: Edition Moderne

Comic von Martin Panchaud : Die Verletzlichkeit der bunten Kreise

Martin Panchaud erzählt einen komplexen Comic im Modus der Infografik. Doch die größtmögliche Abstraktion der Figuren bedeutet nicht weniger Empathie – eher im Gegenteil.

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          Vor mehr als zwanzig Jahren erschien ein Comic mit einem ambitionierten Titel: „Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers“. Der Zeichner Shane Simmons erzählte darin mit Figuren, die nur aus schwarzen Punkten bestanden, denen in sonst leeren Panels mittels Strichen ihre jeweiligen Dialogpassagen zugewiesen wurden. Grafisch reduzierter geht es nicht; trotzdem lässt sich über die Gespräche dieser Pünktchen das ganze höchst komplexe Geschehen rekonstruieren. Eine Reflexion über die Grundstruktur von Comics. Gerade ist sie im Avant-Verlag wieder aufgelegt worden.

          Andreas Platthaus
          (apl), Feuilleton

          Alt genug, um sich an die Erstpublikation zu erinnern, ist Martin Panchaud; er wurde 1982 in Genf geboren, doch seit einigen Jahren lebt er in Zürich. Im Comicmagazin „Strapazin“ sind einige kürzere Arbeiten erschienen, aber nun ist bei der Edition Moderne seine erste lange Geschichte herausgekommen: 224 Seiten stark und nur mit Personen bevölkert, die als bunte Kreise dargestellt werden. Der Comic heißt „Die Farbe der Dinge“.

          Im Gegensatz zu Simmons lässt Panchaud seine Akteure jedoch in sorgfältig arrangierten Dekors auftreten, die wie architektonische Planskizzen gestaltet sind: piktogrammatisch also, aber das verleiht der ganzen Sache den Reiz eines Polizeiberichtsbogens, und das wiederum passt zur Geschichte, denn die ist cum grano salis ein Krimi. Der vierzehnjährige Engländer Simon Hope hat durch den Tipp einer Wahrsagerin tausend Pfund, die er seinem Vaters entwendet hat, auf einen Außenseiter in einem Pferderennen gewettet – und gewonnen! Leider ist er als Minderjähriger nicht berechtigt, den Millionengewinn einfach so abzuholen. Und sein Vater hat daheim die Mutter ins Koma geprügelt, weil er ihr unterstellte, ihm die tausend Pfund gestohlen zu haben. Danach floh der Vater. Was soll Simon nun tun?

          Die Geschichte ist hanebüchen, aber gerade in der abstrahierten Form, in der sie dargeboten wird, überzeugend, denn Piktogramme und Symbole suggerieren Verlässlichkeit. Zudem ist das, was Panchaud erzählt, von einem kühlen Realismus: das Mobbing der Altersgenossen von Simon gegen den übergewichtigen Außenseiter, die angespannte Familiensituation im tristen Eigenheim, die Situationen im Wettbüro, im Krankenhaus und auf der Polizeiwache. Und nicht einmal die größtmögliche Abstraktion der Figuren lässt uns auf Empathie verzichten. Eher im Gegenteil: Wir stellen uns die Gesichter dieser bunten Kreise vor, ihre Gefühle, auch ihre Verletzlichkeit.

          Panchaud nähert sich auf diese Weise als Comic-Erzähler dem Prinzip von Prosa an, indem er unsere Phantasie dazu herausfordert, sich ein eigenes Bild der Akteure zu machen. Sein Band ist kein so radikales Zeichen-Experiment wie seinerzeit der von Simmons, aber eine intelligente und dabei unterhaltsame Kartierung des Territoriums der Comics. Dessen Grenzen erweitert „Die Farbe der Dinge“ erheblich.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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